logo

button.gif

button.gif

button.gif

button.gif







musiq

 

                  www.critic-service

 

                 Neue CD-Bewertungen/New Evaluations of CDs

                 Neu/New - Buchkritiken/Book critic

(63) Temporal Variations. Music for Oboe and Piano between 1935 and 1941. Birgit Schmieder, Oboe, Akiko Yamashita, piano. Audite, Deutschlandradio Kultur. Audite92 539 © 2012.

 

(62 ) ‚Round Midnight.  Hommage to Theloneous Monk. Emanuele Arciuli, Piano. Stradivarius. STR 33898. © 2011. Vertrieb: Klassik Center Kassel.

                                              *

 (61) Johann Sebastian Bach, die Französischen Suiten BWV 812-817. Christophe Rousset an einem Ruckers-Cembalo. 2 CDs.  ambroisie AMB 9960. Sound Arts AG, © 2004. www.ambroisemusic.com

Diese Einspielung der Französischen Suiten von Johann Sebastian Bach hat sich rar gemacht. Sie tritt nicht mit einem großen Label auf und fand aus dem Jahre 2004 erst am Anfang des Jahres 2011 den Weg auf meinen Schreibtisch. Sie verdient durch ihre Qualitäten größte Beachtung. Ich könnte viele Zeilen schreiben, um meine Begeisterung für diese Aufnahmen zu rühmen. Christophe Rousset verdient höchstes Lob für seine natürliche und lebendige Spielweise und seine makellose Technik. Er widmet sich liebevoll jedem Satz der sechs Suiten. Dadurch tritt der individuelle Charakter jedes Stücks plastisch und detailgetreu hervor. Mit diesen Wiedergaben reiht sich Rousset in die Reihe der bedeutendsten Interpreten dieser Suiten ein. Man kann sich an jedem der eingespielten Sätze nicht satthören. Als Beispiele dienen die Gigue aus der 2. Suite BWV 813, Track 13, mit ihren glitzernden und flirrenden Verzierungen, Triller und Pralltrillern. Oder man höre die Courante aus der 6. Suite, BWV 817, Track 16, weiterhin die hinreißend fröhliche und tänzerische Gigue aus der 5. Suite, BWV 816, ferner die Courante der 1. Suite, BWV 812, als Beispiel für die wunderbaren Register. Aber auch über die langsamen Sätze, wie etwa die Sarabande dieser Suite, Track 10, gerät man ins rückhaltlose Schwärmen. 

Den Klang dieses zweimanualigen Cembalos kann man nur in höchsten Tönen und größter Begeisterung beschreiben. Wie füllig, wie sonor, wie klar, wie farbig und vor allem wie warm, frisch und lebendig klingt dieses Instrument in jeder Lage und Kombination der Register. Es wurde, laut Zustandsbericht, in den Jahren 1632 und 1745 gebaut beziehungs- weise ergänzt und 1787  einer Restauration unterworfen. Dieses überaus reich verzierte und kostbare Instrument steht im Musée d'Art et d'Histoire de Neuchâtel. www.mahu.ch. Die Schönheiten und der einzigartige Klangreichtum der Instrumente von Johann Ruckers, auch dieses opus' sind bis heute unerreicht. Auch die penibelsten Nachbauten reichen nicht an die Originale heran. 

Fazit: Diese Einspielung der sechs Französischen Suiten von Johann Sebastian Bach, gehören zum Schönsten und Wertvollsten, was die Interpretationen dieser Werke, jedoch auch der weiteren Barock-Werke dieser Gattung anbetrifft. Das Cembalo von Johann Ruckers ist ein einzigartig in Klang und Lebendigkeit. Rousset spielt mit herrlicher Natürlichkeit und Lebendigkeit. Diese beiden CDs kann man jedem Musikfreund wärmstens empfehlen. 

Summary: These recordings of the six French Suites by Johann Sebastian Bach are of utmost beauty and sound quality. The harpsichord by Johann Ruckers is a wonderful instrument, just the right one for this admirable music. Rousset is a highly perfect virtuoso and musician. Warmest recommendation for these two CDs. 

                                                                               *

(60) Emmanuel Le Divellec, Orgue de l'Église française de Berne. de Grigny, J. S. Bach, A.P.F. Boëly. Orgelbau Goll AG, Luzern 1991. Gallo CD 1186. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Die Werkauswahl für diese CD ist für die Präsentation der vielfältigen Möglichkeiten in stilistischer als auch klanglicher Hinsicht der Goll-Orgel bestens geeignet. Hier stehen Werke des 17. und 19. Jahrhunderts auf dem Programm. Die Goll-Orgel entfaltet für die Hymnen über "Veni creator" nicht gerade das ideale Klangbild, wenn man als Vergleich eine Cliquot- Orgel heranzieht. Der Diskantbereich ist ziemlich scharf geraten. Dagegen sind Krummhorn oder Cornet eine reine Ohrenweide. Die Bach-Werke, insbesondere die Fantasie BWV 562, werden recht schwerfällig wiedergegeben. Das Mikrophon war bei der Pièce d'orgue zu nah am Pfeifenwerk und klingt daher unnötig scharf. Das Lentement, über dessen "wahres" Tempo man auch in Zukunft immer noch rätseln wird, ist dennoch einfach zu lentement. Das gilt auch für das Choralvorspiel "Herr Gott, nun schleuß den Himmel auf" BWV 617, das zu träge gespielt wird. 

Die eigentliche Überraschung und damit die wärmste Empfehlung für diese CD bilden die Stücke von A.P.F. Boëly. Es sind hauptsächlich Teile aus op. 15 und op. 18. Sie liegen Emmanuel Le Divellec hörbar deutlich am Herzen, wählt er doch die Tempi ausgesprochen flüssig und mit exquisiter Registrierung. Die ausgewählten Werke sind im Konzertleben, auch in Frankreich, nahezu unbekannt und können hier mustergültig und zur Begeisterung des Orgelfreunds angehört werden. Auch die Bearbeitung und Ergänzung des letzten Kontrapunkts von Bachs " Kunst der Fuge" hat Boëly außerordentlich interessant gestaltet. Die Toccata op.42, Nr. 13  bildet einen strahlenden Abschluss für diese Einspielung.  

 Fazit: Diese CD ist vor allem wegen der eingespielten Werke von A.P.F. Boëly empfehlenswert. Sie werden hier nicht nur auf hohem künstlerischem Niveau auf einer großartigen Goll-Orgel interpretiert, sondern zeigen vor allem, was für ein meisterhafter Komponist Boëly war. 

Summary: This is a suitable CD for the representation of the fine Goll-Organ. While the compositions by Bach and de Grigny might be known to the organ connaisseur, the works by Boëly reveal the outstanding mastership of this master of the 19th century. These pieces find in Le Divellec a worthy and excellent interpretation. 

                                                                                   *

(59) Johann Sebastian Bach, Orgelwerke. Orgel: Ladegast 1862, Eule 2004. Nikolaikirche Leipzig. Jürgen Wolf, Organist.  ram 50504. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Auch diese CD bringt vom Programm her gesehen einige der bekanntesten und wichtigsten, sicherlich auch schönsten Werke Johann Sebastian Bachs zu Gehör. Eine solche CD ist legitim, um einem Besucher der Nikolaikirche, einem geschichtsträchtigsten Orte Deutschlands, oder einem Orgelfreund die Klangmöglichkeiten der Orgel und die Interpretationsfähigkeiten des Organisten auf den Nachhauseweg mitzugeben. Die technischen Fähigkeiten und die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten Jürgen Wolfs sind ausgezeichnet. Er vermag den Registerreichtum und die reiche Auswahl der Farbpalette der Ladegast/Eule-Orgel bei Bachs Hauptwerken - der Partita "Sei gegrüßet, Jesu gütig" BWV 768 und "O Gott, du frommer Gott" BWV 767, der Passacaglia c-Moll BWV 582 oder der "Pièce d'orgue" BWV 572 - überzeugend einzusetzen. Der Zuhörer wird von dem starken und dichten Einsatz des Hauptwerks gleich eingangs in der Toccata d-Moll BWV 565 sicherlich mächtig beeindruckt. Auch dies ist legitim. Wozu sollte sonst eine Orgelein- spielung dienen? Die Vielfalt der Register zeigt sich besonders beim Einsatz als Solo-Register oder im Verbund mit Nachbarregistern als cantus firmus in den Partiten. Wunderschön kann man diesen Klangreichtum auch in der Passacaglia genießen. Die Steigerung zu den Schlußtakten hin gelingt Wolfs mit seinem klug disponierten Elan hinreißend. Der c.f.  bleibt jedoch stets im stärksten Stimmgewühle klar durchhörbar. Der warme, frische Klang der Orgel kommt besonders in der Pièce d'orgue zur Geltung. Ungewohnt bleibt die leise Grunddynamik im fünfstimmigen Mittelteil. Auf alle Fälle ist der schnelle Duktus des abschließenden "Lentement" die beste Lösung dieser seltsamen Tempoangabe. 

Fazit: Eine hervorragende Demonstration für die künstlerischen Fähigkeiten des Organisten Jürgen Wolf und ein überzeugender Einblick in die grandiosen Möglichkeiten der Lagegast/Eule-Orgel in dieser geschichtlich bedeutsamen Kirche.

Summary: An excellent demonstration of the artificial potential of Jürgen Wolf and a convincing feature of the grand Ladegast/Eule-Organ in the historically momentous Nikolaikirche in Leipzig, not only since the peaceful revolution in 1989. 

                                                                                  *

(58) Vom Dunkel zum Licht. Musik für Posaune und Orgel aus dem Dom zu Trier. Enjott Schneider. Olivier Messiaen. Petr Eben. Helmut Bornefeld. Simone Candotto. Bruno Bjelinski. - Stefan Geiger, Posaune. Josef Still, Hauptorgel.  Ulrich Krupp,  Chororgel. Larissa Boie,  Glocke. Hauptorgel Johannes Klais, 1974. organum, Classics Ogm 291071, 2009. Vertrieb: Klassik Center Kassel.

Oft genug muß die alte Sentenz - per aspera ad astra - als Verlegenheitslösung herhalten, wenn kein zutreffender Titel für eine CD zu finden ist. Hier aber ist der Titel "Vom Dunkel zum Licht" für die Programmfolge absolut passend. Die zwei Stücke "Golgatha" von Bornefeld spiegeln mit tiefen, drohenden, langgezogenen Posaunentönen und dissonanten Orgelklängen das unheilvolle Geschehen um Jesus wider. Insgesamt vier meditative, leise Stücke von Messiaen gliedern die Nummernfolge dieser CD, weisen aber schon auf die Erlösung und Wendung zum Licht hin. Die beeindruckenden "Anrufungen" von Eben künden eher von der Ungewissheit als von der Gewissheit nach Erlösung. Dann aber beginnt ein herrlicher, besinnlicher und gehaltvoller Spaß mit Bornefelds "Appenzeller Kuhreigen mit Abendsegen "Nun sich der Tag geendet hat." für Posaune, eine Glocke, Positiv und Orgel. Es kein platter Spaß, sondern ein originelles Spiel mit verschiedenen Tonarten und Instrumenten. Bornefeld weiß die Posaune von ihrem Timbre her richtig einzusetzen und fügt sie in einem polytonalen Tonsatz zu einem hinreißenden Naturerlebnis. Bis der vierstimmige Choralsatz schließlich eine beruhigende Ordnung schafft. Wunderbar tänzerisch in einer lichtdurchfluteten, heiteren Atmosphäre bewegen sich die "Drei Legenden" von Bjelinski (1909-1992). Diese Sätze lassen sich sogar zur rechten Zeit im Kirchenjahr  liturgisch einsetzen. Die Qualität der Klais-Orgel ist über jeden Zweifel erhaben.  Sie klingt gerade bei Messiaen authentisch. Geigers Posaunenspiel bringt die Stimmungen in den jeweiligen Kompositionen technisch perfekt und außerordentlich lebendig zum Ausdruck. 

Fazit: Die Folge der Kompositionen auf dieser CD ist in der Tat ein Weg aus der Dunkelheit ins Licht. Organist und Posaunist sprechen den Hörer sehr eindringlich an und überzeugen durch technisch perfektes und lebendiges Spiel. Diese CD ist in musikalischer und aufnahmetechnischer Hinsicht sehr empfehlenswert.

Summary: The sequency of these musical works is really a way from dark to light. Especially the atmosphere of light and hilarity is absolutely convincing and charming. Organist and trombone player are masters of their instrument. This CD can be recommended without any dout.

                                                                            *

(57)  Ludwig van Beethoven par Friedrich Wührer. Intégrale des concertos pour piano et orchestre. Triple concerto pour piano, violon et violoncelle. Sonates pour piano op.  109, 110, 111. Enregistrements VOX. harmonia mundi, distribution www.tahra.com. Thara TAH 704-707. Vertrieb Deutschland: Klassik Center Kassel. 

Daß der Pianist Friedrich Wührer heute nur noch wenigen Musikfreunden bekannt ist, hat mehrere Gründe. Er vertrat nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere Generation von Pianisten, die das Pathos und die große Inszenierung von Interpretationen streng vermieden. Die objektive Wiedergabe von Kompositionen war ihm oberstes Gebot. Ihm selbst fehlte jedoch die technische und musikalische Überlegenheit, die seine nur wenig jüngeren Kollegen auszeichnete. Er war als Pädagoge sehr bekannt und bildete zahlreiche Pianisten heran. Er stellte in seinem Unterricht höchste Maßstäbe an die perfekte Ausführung des manuellen Anschlags. Diese Strenge ist seinen Einspielungen anzuhören. Dabei blieb er gegenüber seinen Zeitgenossen zumeist im Schatten eindrucksvoller Wiedergaben. Nicht umsonst trägt diese CD-Kollektion im Obertitel die Schlagzeile "Back from the Shadows". Hört man seine Beethoven-Einspielungen an, so gewinnt man ein klares Bild der unsentimentalen Einstellung gerade zu diesem Komponisten. 

Fazit: diese CD-Sammlung ist vor allem für den Freund und Interessenten der Interpretationsweise der Nachkriegszeit. Klarheit und Objektivität bestimmen die technisch gut aufgearbeitete Doppel-Kassette.

Summary: the interpretations of Friedrich Wührer, here solely with piano music by Beethoven, stand for the objective, clear and german style of piano playing in Germany after World War II. The technical mastering of these CDs is excellent and give a good feature of this great teacher and pianist.

                                                *

 

(56) Robert Schumann, Das Orgelwerk. Studien für den Pedalflügel op.56, Skizzen für den Pedalflügel op.58, Sechs Fugen über den Namen BACH op. 60. Olivier Vernet, Orgel. Stiehr-Jaquot-Orgel (1859/1873), L'église St-Michel de Wisches (Dep. 67). Ligia Lidi 0104222-10, Vertrieb: Klassik Center Kassel

Diese CD setzt in jeder Hinsicht höchste Maßstäbe. Beginnen wir mit der Aufnahmetechnik. Die musikalischen Werke erklingen hier in einer ganz natürlichen, frischen Räumlichkeit. Die Balance von den höchsten Diskantstimmen bis zum Baß ist perfekt ausgewogen und unverzerrt. Diese Orgel ist als romantisch konzipiertes Instrument für die Wiedergabe der Werke perfekt geeignet. Die Vielfalt der verschiedenen Registergruppen - sowohl die Prinzipale als auch die Zungenregister - entfaltet einen wunderschönen Farbenreichtum. Man höre nur das Stück "Nicht zu schnell" mit seinen klangvollen Staccati und den hinreißend knorrigen Zungenstimmen, oder die gefühlvoll streichende Begleitung zum führenden Melodie in Stück Nr. 2 "Mit innigem Ausdruck". Wunderschön auch der Kontrast zwischen den streichenden Prinzipalen und den markanten Zungen im Mittelteil von Nr. 7 "Nicht zu schnell und sehr markiert". Der strahlende Gesamtklang in Nr. 8 "Nicht zu schnell und sehr markiert" könnte auch gut als ausleitende "Sortie" am Schluß einer kirchlichen Feier stehen. Die dynamische Steigerung im Schlußstück Nr. 16 "Mäßig, nach und nach schneller" gelingt Vernet einfach grandios. Auch insgesamt kann man die Interpretationen von Vernet und damit des "Orgelwerks" von Robert Schumann nur als perfekt und vorbildlich bezeichnen. Er registriert die Stücke nicht als akademische Schulaufgaben, sondern als Charakterstücke in strengem Fugenstil, aber doch jede mit eigener Form und eigenem Klang. Für diese Einspielung gebührt Vernet höchstes interpretatorisches Lob. 

Und noch eines: Vernet zeigt uns, mit welch einzigartiger Genialität Robert Schumann jedes einzelne Stück konzipiert und geschrieben hat. Waren schon die "Kreisleriana" oder der "Carnaval" von unfaßbarer Modernität und Erfindungskraft, so beweist Schumann, wieviel kompositorische Freiheit auch in der scheinbar gebändigten Form der Fuge liegt. Derart - ich wiederhole mich gerne - "genial" hat erst wieder Max Reger sich in diese musikalische Form eingelassen und erfüllt. Trotz Rheinberger oder Zeitgenossen. Franz Liszt natürlich ausgenommen, jedoch mit völlig anderen formalen Lösungen.

Fazit: Olivier Vernet ist hier eine Referenzeinspielung der drei Werksammlungen gelungen. Höchste Anerkennung für seine hinreißende und wunderschöne Ausführung, die den genialen Wurf von Schumanns Stücken adäquat zur Geltung bringt. In jeder Hinsicht grandios. 

Vernet's interpretation of Robert Schumann's pedal keyboard instruments is unrivalled. His organ version is colourful and technically perfect. With the wonderful sound of the french-romantic instrument he reveales the often underestimated genius of these three work groups. This adorably CDs can highly be recommended. 

                                                                                 *

My new artificial left knee joint is healing perfectly. I can walk nearly like in former days. I am back again.

(55 a) Olivier Messiaen, Orgelwerke Vol. 1. La Nativité du Seigneur. Eberhard Lauer, Kuhn-Orgel der Evangelisch-Lutherischen St. Johanniskirche, Hamburg-Altona. ambitus amb 96 920. © 2007. Distribution: Klassik Center Kassel. 

(55 b) Olivier Messiaen, Orgelwerke Vol. 2. L'Ascension. Messe de la Pentecôte. Apparition de l'Eglise éternelle.  Le Banquet céleste. Eberhard Lauer, Kuhn-Orgel im Dom zu Minden. ambitus amb 96 940. © 2008. Distribution: Klassik Center Kassel.

(55 c) Olivier Messiaen, Orgelwerke Vol. 3. Les Corps Glorieux. Verset pour la Fête de la Dédicace. Diptyque. Eberhard Lauer, Kuhn-Orgel im Dom zu Minden und Kuhn-Orgel der Johanniskirche Hamburg-Altona. ambitus amb 96 943. © 2008. Distribution: Klassik Center Kassel.

(55 d) Olivier Messiaen, Orgelwerke Vol. 4. Méditations sur le Mystère de la Sainte Trinité. Eberhard Lauer an der Kuhn-Orgel im Dom zu Minden. ambitus amb 96 944. © 2008. Distribution: Klassik Center Kassel. 

Olivier Messiaen hat sein gesamtes Orgelwerk für Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll konzipiert. Die Vielzahl von Aliquoten, extrem hohen und tiefen Register und die spezifischen Klangkombinationen sind auf diesen Orgeltyp abgestimmt. Dazu kommt die Notwendigkeit, seine Werke in einer Kathedralakustik erklingen zu lassen, wie wir sie in den  großen Kathedralen Frankreichs vorfinden. Alle diese Komponenten ergeben die von Messiaen angestrebten Klangvorstellungen und erwecken die in den Klängen enthaltenen Glaubensinhalte.

Ist demnach Orgelmusik  von  Messiaen nur auf einer C.-C.-Orgel realisierbar? Ist es demnach nicht erlaubt, Instrumente anderer Orgelbaufirmen für Konzerte oder CD-Aufnahmen heranzuziehen? Keineswegs. Die Orgeln der schweizerischen Orgelbaufirma Kuhn in Männedorf am Zürichsee besitzen in ihrem Registerbestand die meisten Register, die für Messiaen wichtig und notwendig sind. Außerdem hört man in der Akustik des Mindener Doms jeden Ton mindestens acht Sekunden lang, was durchaus den Eindruck einer Kathedralakustik vermittelt. Innerhalb dieser klanglichen Bedingungen hat Eberhard Lauer vier CDs mit wichtigen Werken von Messiaen aufgenommen.

Die Phrasierungen seines Spiels folgen ziemlich genau den Ausführungen in der Partitur und den Aufnahmen von Messiaen selbst an seiner Orgel in Ste. Trinité. So sind die  Staccato-Akkorde in "Les Bergers" des Zyklus "La Nativité du Seigneur" oder in "Le Verbe" recht kurz geraten, ähnlich der Vortragsweise von Messiaen. An der Kuhn-Orgel in Hamburg-Altona hätten sie ein wenig länger ausgehalten werden können. Der allgemeine Klang ist bei beiden Orgeln sehr stabil, fest und durch rasche Einschwingvorgänge sehr diskret am Ohr des Hörers, anders als bei den großzügig einsetzenden Tönen der C.-C.-Orgeln. Andererseits betört beispielsweise die sichere Tongebung des fünffachen Cornet 8' in Altona sogleich in seiner ganzen Schönheit und authentischen Klangfärbung im Mittelteil von "Le Verbe". Die typischen Messiaen-Farben kommen bis zum "Dieu parmi nous" gut zur Geltung. Lediglich hätte die gesamte Wiedergabe mehr Elan und magische Stimmung vertragen. 

Die Kuhn-Orgel im Dom zu Minden vermag alle Klangvorstellungen Messiaens wiederzugeben. Beispielhaft für den Farbenreichtum der verwendeten Register und die Ausnutzung der vorteilhaft langen Hall-Dauer mag "L'Apparition de l'Église éternelle" auf Vol. 2 stehen. Zu hören ist ein grandioses Finale. Die gesamten Aufzeichnungen dieser vier CDs sprechen  demnach für eine Aufführung von Messiaens Orgelwerken außerhalb einer französischen Kathedrale. Wer Klangbeispiele für streichende, schwebende Klangflächen sucht, sollte den "Combat de la mort et de la vie" aus "Les Corps Glorieux" oder die "Méditations VII"  der "Méditations sur le Mystère de la Sainte Trinité" auf Vol. 4 hören. Dort kommt man nochmals in den wunderbaren Genuß des  weittragenden, ungemein schön klingenden und klaren Cornets, sowie der verschiedenen Register, welche die Vogel-Stimmen von Goldammer, der Gartengrasmücke oder der Mönchsgrasmücke. Auch hier ein mitreißend rauschhaftes Finale.

Die Booklets informieren vorbildlich über die Titel und Untertitel der einzelnen Partituren in deutscher, französischer und englischer Sprache. Außerdem gibt es von Messiaen  und  Lauer eine ausführliche Beschreibung des religiösen Inhalts der Zyklen. Die grundlegenden Themen der "Méditations" werden im Drucksatz wiedergegeben. Reichliche Erläuterungen zur Registerwahl findet man in den drei Sprachen ebenso wie die Dispositionen der beiden Kuhn-Orgeln. Sehr schöne  Farbphotos der beiden Instrumente zieren die Rückseite des Booklets.

Fazit: Diese vier Einspielungen mit Orgelwerken von Olivier Messiaen können als Leitbild dienen, wie und wo man dessen Werke außerhalb von Frankreich mit seinen Cavaillé-Coll-Orgeln und der Kathedralakustik aufführen kann. Die Interpretationen von Eberhard Lauer stehen auf hohem technischen Niveau. Die Booklets erfüllen jeden Wunsch nach ausgiebiger Information über die Orgeln, die jeweiligen Dispositionen und die eingespielten Kompositionen.  

These four recordings of organ works by Olivier Messiaen can be taken as model how to play his compositions outside of french cathedrals and their acoustic conditions as well as non-Cavaillé-Coll-organs. Eberhard Lauer plays the music with great technical skills. The booklets meet every wish in respect to informations about the organs, the dispositions and the wordings of Messiaen about the theological content of his music, given in his scores. 

                                                                                    *

(54) Musik  aus sächsischen Schlosskirchen. Music from Saxon Castle Churches. Ensemble Concert Royal Cologne, Karla Schröter, Barockoboe. Chiharu Abe, Barockvioline. Ulrich Schardt, Baroque Trombone. Willi Kronenberg, historische Heinemann-Orgel, Historical Organ in Wetter. Werke für Barockoboe, Barockposaune, Barockvioline und Orgel. 

Sonaten und  Choralbearbeitungen von Johann Ludwig Krebs, Gottfried August Homilius, Johann Sebastian Bach,  Gotthilf Friedrich Ebhardt und Christian Gottfried Tag. 

Cantate C  580038. © 2009. Vertrieb Klassik Center Kassel. 

Mit dem Tod von Johann  Sebastian Bach im Jahre 1750 war in der Tat die imposante Epoche des musikalischen Barock einschneidend zuende gegangen. Die zu seinen Lebzeiten geborenen Epigonen, deren Werke in der zweiten Jahrhunderthälfte erschienen sind, verwendeten zwar noch die überkommenen Formen, beispielsweise des Choralvor- spiels, erschienen jedoch in einem verkleinerten Format, oft nur innerhalb weniger Minuten. Statt der formalen Dominanz bekam jedoch nach Bach der Klangreiz mehr Beachtung und Gewicht. 

Diese Einspielung versammelt eine attraktive Auswahl von Werken aus der unmittelbaren Nach-Bach-Zeit. Die grundtönig konzipierte Heinemann-Orgel besitzt nur ein Aliquotregister, eine Sesquialtera 2fach. Farbe bringt vor allem die Beteiligung der Barockoboe und der Oboe d'amore ins Spiel. eine Barockposaune ist lediglich in zwei Choral-Werken von Homilius und eine Barockvioline in der Choral-Fantasie "Jesus, meines Lebens Leben" BWV 1107 von Johann Sebastian Bach zu hören. Für den Orgelfreund gehören die Choräle und die Komponisten sicher zum Stamm einer historischen Sammlung. Außerordentlich erfreulich ist jedoch die musikantische Spielweise von Karla Schröter auf den beiden Barock-Oboen. Sie spielt außerordentlich lebendig und artikuliert ganz natürlich in der alten Manier der Klangrede. Sie versteht in hervorragender Weise, das runde, klangschöne Volumen ihrer Instrumente zur Geltung zu bringen. Ihre Interpretation trägt in großem Maße dazu bei, daß diese CD sehr empfohlen werden kann.

Fazit: Die eingespielten Werke bereichern wegen ihrer historischen Stellung nach Johann Sebastian Bach das Archiv eines jeden Orgelfreundes. Das hervorragend lebendige und authentische Spiel von Karla Schröter auf Barock-Oboen macht diese CD jedoch besonders empfehlenswert. - The collection of significant post-bachian epoque is one of the preferences of this CD. None the less, important is the admirable interpretation of Karla Schröter. Her vital and variable play fits perfectly to the two colourful and voluminous barock-hoboes. 

                                                                                     *

(53) Louis Vierne, Pierre Moreau aux Grandes Orgues de Notre-Dame de Paris. Éditions André Charlin. AMS 107 © 1967 P 2009.  Vertrieb: Klassik Center  Kassel.  

Wenn man von der Orgel in der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame in Paris spricht, so muß man korrekterweise, wie im Französischen, von mehreren Orgeln sprechen. Seit dem 13. Jahrhundert erklingen in diesem Zentralbau der französischen Christenheit Orgeln. Die erste Orgel wurde in Jahren 1863 bis 1868 von Aristide Cavaillé-Coll ersetzt. durch ihre einzigartigen Klangmöglichkeiten und -schönheit hat sie jahrzehntelang als Vorbild für den französischen Orgelbau gedient und zahlreiche, bis heute unerreichte Künstler an dieser Orgel zu unvergleichlichen, genialen Werken inspiriert. Mehrere Umbauten haben das Instrument ergänzt, erweitert und modernisiert, ohne seinen majestätischen Grundcharakter wesentlich zu verändern. Manche Orgelbauer sprechen von fünf Orgeln in einem Instrument auf der Westempore der Kathedrale. 

In der vorliegenden Einspielung hören wir die Notre-Dame-Orgel in ihrer Klanggestalt des Jahres 1967. Ihr Charakter ist ein wenig weicher und geschlossener als heute. Er entspricht in idealer Weise den Klangvorstellungen von Louis Vierne,  der dort von 1900 bis zu seinem Tod - er starb während eines seiner Orgelkonzerte an seinem Instrument im Jahre 1937 - als Titulaire-Organist tätig war. Man sollte nie versäumen, seine sechs Symphonien für Orgel anzuhören, da sie mit zu den großartigsten Werken seit Johann Sebastian Bach gehören. Man überzeuge sich selbst. Auf dieser CD finden wir je fünf Stücke aus den 24 Pièces en style libre op. 31 und den Pièces de fantaisie aus den Jahren 1926 und 1927. Pierre Moreau, der 1907 geborene Organist, spielt sie stilsicher und virtuos dem Inhalt der Kompositionen und der gesamten Ambiance entsprechend majestätisch und unter dem Einsatz der Farbvielfalt der 111 Register. Das gilt herrlich anrührend bei der "Hymne au soleil" oder der "Légende". Grandios gestaltet er die "Cathédrale" oder "Sur le Rhin". Das "Carillon de Westminster" klingt hier in keiner Weise abgedroschen und durchgehetzt, sondern schwelgt genüßlich in der hin- und herwogenden Thematik und himmlischen Harmonien. Man darf diese Aufzeichnung durchaus mit allen aufgedrehten Knöpfen der Stereoanlage hören, sie klingt nie übersteuert, sondern klar und frisch. 

Fazit: Natürlich klangen die Orgeln in Notre-Dame in allen Epochen überwältigend. Als Zeuge einer schon entfernteren Epoche und als hervorragendes Beispiel einer authentischen Interpretation ist diese Einspielung unbedingt empfehlenswert.  

                                                                                     *

(52 a) claXL - Wilhelm Kempff, Brahms, Klavierkonzert Nr.2. Orchestra "Alessandro Scarlatti" della Radiotelevisione Italiana, Dirigent Pietro Agento. Konzertmitschnitt 21.02.1958. © 2009. HCD 0909. www.claXL.de  

Mit dem Erwerb dieser beiden CDs hat claXL einen glücklichen Griff getan. Es gibt viele Tonaufzeichnungen von Wilhelm Kempff, diese beiden waren es unbedingt wert, dem Schattendasein entrissen zu werden. Hört man die Meinungen von Pianisten-Kollegen, Kritikern und allgemein Musikfreunden, so wird immer wieder das singende, fast unmaterielle Spiel Kempffs hervorgehoben. Viele Pianisten sehen ihn noch heute als musikalisches und pianistisches Vorbild an. Zunächst eigenartig mutet es an, wenn Kempff es mit der Treffsicherheit nicht so genau nimmt. Er befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Alfred Cortot greift in seinen Chopin-Interpretation ungerührt in die falschen Tasten. Oder gar Arthur Rubinstein nannte sich selbst den "Champion der falschen Noten". Kempff hat darüber eine klare Auskunft gegeben. In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg war es nicht so wichtig, unbedingt auf technische Fehlerfreiheit zu achten. Die musikalische Gestaltung stand an erster Stelle und die allgemeine technische Kompetenz für das zu bewältigende Klavierwerk. 

Konzentriert man sich also auf die klangliche Wiedergabe des 2. Klavierkonzerts von Brahms, so kommt man sehrschnell ins Schwärmen über den wohlklingenden, runden Anschlag. Es gibt keinen stumpfen oder unbedachten Ton, alles klingt glanzvoll und rein. Das Orchester steht ihm hinsichtlich Lebendigkeit und dynamischer Differenzierung kaum nach. Herrlich leicht und hell erklingt das Scherzo, mit geradezu französischem Charme und durchgehender légèreté. 

Die Reinheit des Tons im singenden Spiel kommt natürlich besonders berückend zur Geltung im Dialog zwischen Klavier und Solo-Cello im konzertanten Lied "Immer leiser wird mein Schlummer." Nichts von dem Brahms-Gedonner, das sich manche Künstler angewöhnt haben, ist hier zu vernehmen. Ob Triller oder schnelle Läufe, immer wieder bewundert man die klangvolle Leichtigkeit des Spiels von Wilhelm Kempff. 

(52 b) claXL - Wilhelm Kempff in Potsdam, Johann Sebastian Bach, Französische Suite Nr. 5 G-Dur, BWV 819. Franz Schubert, Impromptus op.90, Nr. 1 bis 4. D 899 1 bis 4. Johannes Brahms, Capriccio h-moll op.76,2. Rhapsodie g-Moll op.79,2. © 2008 HCD 0808.

Die herrliche französische Leichtigkeit treffen wir auch in der Wiedergabe der 5. Französischen Suite BWV816 von Johann Sebastian Bach an. Fast schwerelos, ohne akademische Strenge oder Trockenheit, fließen die Stimmen voran, teilweise mit einem leichten Sordino-Effekt abgedunkelt. Triller, und noch mehr die Mordente, sind Farb- und Erregungsträger, die einem Werk zusätzliche Spannung und Lebendigkeit verleihen. Spritzig leicht wird die Gavotte, betont hüpfend im Secco-Ton und stürmisch und akzentreich die Bourrée wiedergegeben. Ganz zurückhaltend, wie mit einem 4' und Lautenzug ist die Loure eingefärbt. Als Beispiel seines unglaublich genialen Klavierspiels dient die Gigue. Derart inspiriert, zauberhaft leicht und lebendig sprudelnd hat man diesen Satz, wie aber auch die gesamte Suite noch nie gehört. Derart leicht beflügelt und von einem wohldosierten Elan hat sie wohl noch kein Pianist gespielt. 

Nochmals: einfach genial, inspiriert und klangschön!

(51) Arthaus Musik - Der Ring des Nibelungen, Richard Wagner. Deutsches National Theater und Staatskapelle Weimar, Dirigent: Carl St. Clair. Regie Michael Schulz. Life Aufnahme 2008. 4 Blu-ray Discs

Das Rheingold 101 354, Die Walküre 101 356, Siegfried 101358, Götterdämmerung 101 360.

Sprechen wir nicht von den sängerischen Leistungen in dieser Produktion. Es wäre unfair den Sängern gegenüber und unwichtig, weil diese Aufzeichnungen aus dem Staatstheater Weimar viele hervorragende Aspekte aufweist, die sehr außerordentlich bemerkenswert sind. Dennoch dürfen zwei Gesangssolisten herausgehoben werden, da sie sowohl gesanglich als auch wegen ihrer darstellerischen Präsenz besonders beeindrucken. Da ist einmal  Nadine Weissmann, deren stabile und voluminöse Stimme die Macht als Götterwesen und die tragische Betroffenheit als Betrogene tief unter die Haut geht. Und da ist Hidekazu Tsumaya, der - wie einst der legendäre Karl Ridderbusch - eine wundersame Wärme in den Gesang und die Gestaltung des Fafner legt. Er zeigt keinen tumben Riesen, der tölpelhaft überlistet werden kann. Als Riesenwurm sympathisiert er mit starken menschlichen Zügen mit dem wahrlich noch unbedarften Siegfried. 

Das Orchester spielt die anstrengende und überwältigende Partitur einwandfrei. Mehr lässt sich mit gutem Gewissen nicht sagen, da die technischen Gegebenheiten meiner TV-Lautsprecher nicht den vollständigen Sound  wiedergeben können. Die Vorteile der Blu-ray-Technik liegen zunächst einmal in der überaus eng komprimierten Datenfülle, die es ermöglicht, je eine ganze Oper auf einer Scheibe zu vereinigen. Dies bedeutet eine enorme Platzersparnis. Sie ermöglicht, Bild und Ton im großen Umfang auf einem Datenträger ohne Probleme unterzubringen.

Insgesamt stellt man fest, daß im Verlaufe der vier Ring-Abende alle Sänger zunehmend an darstellerischer Intensität gewinnen. Es wird immer deutlicher, wie sehr die schicksalhaften Pläne, Entwicklungen und Konsequenzen den Dramen einer antiken Tragik mit einer abgründigen Tiefe  gleichkommen. Dies ist sicher im Sinne Richard Wagners, der die antike Dramen-Welt sehr genau kannte und in seine Ring-Welt einbrachte. Es liegt vor allem an der außergewöhnlichen Regie, welche einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Es ist das schlüssige, logische und sinnerhellende Gesamtkonzept, das - endlich! - ohne Firlefanz in Einzelaktion auskommt. Das beginnt mit der anrührenden Anwesenheit der Erda, die, so scheint es, zumeist stumm in allen vier Opern das Geschehen auf der Bühne mitverfolgt. Klar, sie ist allwissend und überprüft, ob alles nach dem Plan des Schicksals und der Nornen abläuft. Sie leidet mit in der erschütternden Waltrautenszene der "Götterdämmerung" und formt den toten Siegmund und Siegfried zu einer beklemmenden Pietà, die zugleich an das Gemälde des liegenden Leichnam Jesu im Kunstmuseum Basel erinnert. Die Verwandlung Erdas in Grane in der Schlußszene des "Rings" ist unmittelbar einsehbar. Das reinigende Wasser aus dem Himmel, auch als Sintflut deutbar, ist der wesentliche Vorgang für einen Neuanfang der Welt, ohne Götter. In einem kurzen Szenenausschnitt sieht man, wie der Ring auf dem Speer aufgespießt ist. Markanter kann man die versammelten Symbole der Macht und Verträge nicht anschaulich machen. 

Selbst der Quicky mit dem Waldvögelein, kurz und oberflächlich, appelliert nicht vordergründig an unsere Instinkte, sondern offenbart das moralfreie, nicht amoralische, Verhalten der Naturwesen. Dies trifft ebenso auf die Rheintöchter zu, die im "Rheingold" mit ihrem tändelnden Verhalten den Raub des Rheingolds ermöglichen, oder in der "Götterdämmerung" die Gelegenheit verscherzen, den verfluchten Ring dem Rhein wiederzugeben. Selbst die wahrhaft aufreizende Begattung von Brünnhilde durch Gunther in der "Götterdämmerung" hat ihren Sinn als Rache gegenüber Siegfried und  der beschleunigten Herbeiführung des Untergangs der Götter.  

So ließen sich noch zahlreiche Assoziationen, Symbole oder Bilder aufzählen, die zu einem sinnträchtigen Verständnis dieser "Ring"-Aufführung anleiten. 

Das Fazit für diese Blu-ray-Einspielung und dieser Aufführung der vier "Ring"-Opern kann deshalb nur lauten, daß diese Aufnahme allemal die Anschaffung lohnt - zum Anhören und Ansehen und Nachdenken. 

                                                                                     *

(50) oehms classics  - Frédéric Chopin, Hélène Tysman. Klaviersonate Nr. 2  b-Moll op.35. 24 Préludes op. 28

OC 782 © 2010.

Solch eine Interpretation der Klaviermusik von F. Chopin hat man bisher noch nie gehört. Was man hier von der 28jährigen Pianistin Hélène Tysman angeboten bekommt, ist entfernt von aller gefühligen Romantik oder ausgiebigen Pedalverschleierung. Zugegeben, so wie Chopin seine eigene Musik vorgetragen hat, kann man heute nicht mehr spielen: fast stets im Pianobereich, mit zurückhaltender Brillanz und ganz auf die Dimensionen eines Salons abgestimmt. Tysman jedoch verzichtet überwiegend auf das Fortepedal und beweist in allen hier eingespielten Stücken eine enorme, durch die Aufnahmetechnik stets überprüfbare einwandfreie Technik. Die Künstlerin beruft sich dabei auf Chopin-Editionen, in denen auf lange Strecken hin kein Pedal-Zeichen eingetragen ist. Daß dies keinesfalls auf Chopins Willen hin geschieht, steht fest, da es keine wissenschaftliche Urtext-Ausgabe von letzter Hand des Komponisten gibt. Was spätere Drucker und Herausgeber überliefert haben, ist bereits eine Interpretation. Es geht also auch in dieser Einspielung um eine Ausführung des Notentextes, die danach zu beurteilen ist, ob der musikalische Inhalt uns authentisch, also inhaltlich nachvollziehbar, erscheint. Und dies ist, bei aller Exzentrik der Agogik oder des Anschlags, sehr beeindruckend gelungen.

Nach den wuchtigen Akkorden der Intrada der zweiten Klaviersonate entfesselt Tysman kein dramatisches Gewühle, sondern gibt uns quasi ein Strukturbild der Hauptthematik, détaché, nahe am reinen Staccato, im Anschlag trocken und absolut durchhörig, so daß jede Note jederzeit vernehmbar ist. Nichts ist verschwommen. Selbst im raschesten Tempo und bei aller souveräner Kraftentfaltung bleibt das Notenbild klar, ja gläsern durchsichtig. Überzeugend ist die Gestaltung des lyrischen Nebenthemas, eingehüllt in ein wohldosiertes Pedalspiel und kontrastierender Nachdenklichkeit.

Wunderbar gelungen ist die Gegensätzlichkeit im darauffolgenden Scherzo, bei dem sich nach den anfänglichen Secco-Takten ein überaus spannungsreicher, stimmungsvoller Mittelteil anschließt. Die introvertierte, wunderschön singende Melodielinie, die wir auch im Mittelteil des Trauermarsches wiederhören, zeichnet Tysman als große pianistische Künstlerin aus.

Der Trauermarsch schleppt sich nicht tränenreich dahin, Tragik oder Trauer scheint erst in Mittelteil durch. Aus Moll wird eine hinreißend gesungene Melodielinie in Dur. Schön und zärtlich hält Tysman innere Einkehr.

Vollends rätselhaft bleibt der Schlußsatz sowohl als Komposition von Frédéric Chopin als auch in der Ausführung durch Hélène Tysman. Die Presto-Oktaven rasen nicht dahin, sondern werden trocken, ohne Pedal, ohne Crescendo-Dynamik in den Schlußtakten und durchwegs leise vorgetragen. Das Hörergebnis ist fast absurd. Jede Note ist hörbar, nichts ist gestaltet. Und dennoch – das Unerhörte bleibt im Gedächtnis des Hörers hängen und zwingt zum Nachdenken. Die Interpretation dieser Sonate ist allemal bedenkenswert.

Préludes, op. 28. – In gleicher Weise, nämlich völlig ungewohnt, unorthodox, jedoch neuen Erkenntnissen über die Quellenlage verbunden, hören wir die 24 Préludes von Frédéric Chopin. Die Tempi sind, wie schon das erste Stück beweist, eher elegant als auf Geschwindigkeit getrimmt. Dies ist sicher kein „agitato“, aber akzeptabel. Die Dies-irae-Stimmung von Nr. 2 wird düster und leise ausgeführt. Manche Eigenheiten sind nicht willkürlich eingesetzt, aber auch nicht immer einsehbar. Warum die drei Schlußakkorde von Nr. 4 so stark vom Hauptstück abgetrennt sind, erschließt sich nicht aus der vorangegangenen Interpretation. Ihr Hang zum Secco-Klang und Spiel ohne Haltepedal finden wir in Nr. 5 und 6 wieder. Nr. 8, 9 und 10 erinnern ein weiteres Mal an die eminenten technischen Fähigkeiten der Pianistin. Ihre Fähigkeit zum singenden Legato-Anschlag und Melodiespiel finden wir ausgeprägt in Nr. 13 oder beispielsweise im „Regentropfen-Preludium“ Nr. 15. Die Nr. 14, das Pendant zum Schlußsatz der b-Moll-Sonate, ist denn doch zu akkurat und unpersönlich geraten. Warum der „Choral“ Nr. 20 so wenig zusammenhängend in den Akkorden vorgetragen wird, sodaß die Akkorde fast vereinzelt, ohne musikalischen Zusammenhalt erklingen, ist nicht ganz einsehbar. Nach einem wuchtigen, tollen g-Moll-Agitato von Nr. 22 geht es mit leicht gebremster Leidenschaft in das überragend ausgeführte d-Moll-Schlußstück von Nr. 24.

Fazit: was für eine eigenständige, technisch absolut beeindruckende, musikalisch mit jedem Takt zum Aufhorchen zwingende Interpretation zweier Hauptwerke von Chopin! Dies könnte der Interpretationsstil für  Chopins Klaviermusik der kommenden Jahre werden.    

                                                                                    *

 (49) Musica rediviva - Johann Sebastian Bach, Die Kunst der Fuge. Bengt Tribukait, Orgel. Cahman Orgel 1728, Kirche von Leufsta Bruk, Schweden.  MRSACD-017. © 2008

Wieder einmal beeindruckt einmal mehr das Label Musica rediviva durch ein liebevoll gestaltetes, informatives Booklet. Die Farbphotos des Orgelprospekts und des tief in Pelze eingemummelten Tribukait, die vereiste, dennoch farbige Landschaft und des Spieltischs, samt Registerzügen, geben schon einen signifikanten Eindruck von der Umgebung, in der diese Aufnahme entstanden ist. Die Texte im Booklet sind in englischer, japanischer und schwedischer Sprache geschrieben. Eine kurze Einführung in das Werk, sowie die Disposition und Registrierungen machen die Informationen besonders wertvoll. Der warme, schöne Gesamtklang der Cahman Orgel aus dem Jahre 1728 nimmt der "Kunst der Fuge" alles Akademische oder Nüchtern-Sachliche. Klare Labialflöten ergeben einen klaren Klang als Solo-Register oder im kräftigen Plenum, das von keinem Überdruck getrübt wird. Wunderschöne Diskantflöten erhalten zusätzlich eine quecksilbrigen Glanz in Fuge 9, oder eine virtuos gespielte charaktervolle Trompete 8' bereichert die Fuge 18. Die Schlußfuge interpretiert Tribukait stilsicher in einem großartig majestätischen Tonfall. 

Fazit: Diese Einspielung empfiehlt sich durch ihr wunderschönes Klangbild und die anregende Interpretation.

(48) arta - Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen BWV 988. Jaroslav Tůma, Clavichord und Cembalo. 2 CDs. Arta F 10136.  ©2005. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Das Clavichord ist im musikalischen Leben fast ausgestorben. Es führt lediglich ein Orchideen-Dasein. Das Cembalo spielt bei Aufführungen von Werken aus der Barockzeit jedoch noch eine vitale Rolle. Um so mehr ist es begrüßenswert, wenn Aufnahmen mit Clavichord und Cembalo erscheinen, vor allem wenn sie den authentischen Klang für die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach wiedergeben. Bach hat, laut Inventarliste seines Nachlasses mehrere Clavichorde und Cembali besessen. Zeitgenossen rühmten, wie außerordentlich rein und harmonisch er ein Clavichord zu stimmen wusste. Er benutzte beide Instrumenten-Typen, ohne sich kategorisch festzulegen. Das bedeutet, dass man dieses Variationswerk, wie etwa auch das „Wohltemperierte Klavier“, ohne ideologische Festlegung auf dem einen oder anderen Instrument spielen kann. Oder, um einen wichtigen Begriff der Barockzeit zu verwenden: man spiele, wie damals, nach dem guten Geschmack. Diese Sichtweise ist heute natürlich absolut verpönt. Also ist es nur konsequent, dass man beispielsweise die Goldberg-Variationen einmal auf einem Clavichord gespielt anhört und andererseits mit einem Cembalo.

Auf der vorliegenden Doppel-CD hat Tůma je ein Instrument des Jahres 2004 aus der Werkstatt des Hamburger Instrumentenbauers Martin Kathers gewählt. Der Stimmton liegt bei 415 Hz, jedes Instrument wurde ungleichmäßig gestimmt.

Insgesamt wählte Tůma ruhige und angemessene Tempi, so dass auch 32tel-Läufe in den späteren Variationen klar und sicher nachvollzogen werden können. Bei einem Clavichord werden baubedingt etliche Nebengeräusche hörbar, vor allem der Aufschlag einer Taste auf den Instrumentenrahmen. Wegen des relativ kleinen Instrumentenumfangs und des Holzrahmens entwickelt der Resonanzboden noch nicht so starke und voluminöse Töne wie die Tasteninstrumente späterer Jahre. Dafür besitzt der Clavichordton ein zartes, süßes und außerordentlich farbenreiches Timbre, das der Spieler mit jedem Anschlag variieren kann.

Das kommt der Stimmung der einleitenden Aria und den zunächst folgenden Variationen sehr entgegen. Später wird es bei Bach jedoch mehr und mehr turbulent und virtuos, so daß man kaum glauben kann, daß sie gegen die Schlaflosigkeit des Gesandten von Kayserlinck komponiert seien. Mit jedem weiteren Stück wendet Bach eine neue Variationsform an. Da laufen 16tel-Ketten gegeneinander, werden aber sogleich von einem kantablen und weich fließenden Abschnitt bei variablem Anschlag abgelöst. Bei diesen ständigen Hin und Her der schnellen Läufe wird hörbar, wie ausgewogen und gleichmäßig ausbalanciert das hier verwendete Instrument klingt. Und noch eines wird deutlich: daß beim Clavichord die motorischen Abläufe viel deutlicher bemerkbar sind als beim Cembalo, bei dem die Dynamik und Brillanz eher im Vordergrund stehen. Man kann beim Clavichord gut nachvollziehen, wie schnell die Finger über die Tasten rennen oder wie sensibel jeder Ton individuell angeschlagen wird. Man wird unmittelbarer Zeuge, wie die Hände überkreuz nebeneinander laufen, sich entflechten oder einer gleichmäßigen Kette Pralltriller oder Staccato-Noten entgegengesetzt werden. Eine elegische oder gar tragische Grundstimmung weiß Tůma der g-Moll-Tonart in den Variationen 21 oder 25 abzugewinnen. Seine unfehlbare technische Meisterschaft beweist Tůma in den wahnwitzigen Trillerketten der Variation Nr. 29.
Ein gemütlich vorgetragenes Quodlibet (Nr. 30) und die erneut schöne, intime Stimmung der einleitenden Aria beenden diese außerordentlich kompetente Einspielung.

Der Klang des Cembalos ist natürlich weitaus silbriger und stabiler. Durch den noch schneller reagierenden Anschlag einer Taste können Akkorde oder Tonketten leichter und klarer ausgeführt werden. Die Register des Cembalos – ein 4’- und ein 8’-Register sowie ein Lautenzug - bereichern die Klang- und Farbpalette. Hier offenbart sich auch die majestätische Pracht einer Französischen Ouvertüre in der Variation Nr. 16. In der g-Moll-Variation Nr. 25 nimmt Tůma durch den Einsatz des Lautenzugs sinnigerweise Bezug auf das Andante des Italienischen Konzerts von Bach und damit auf das Klangmodell eines dreisätzigen Concertos von Antonio Vivaldi.

Fazit: Diese lehrreiche, anregende, spannende und ja amüsante Einspielung der Goldberg-Variationen auf einem Clavichord und einem Cembalo hat Seltenheitswert und sollte sich jeder, nicht nur ein historisch orientierter, Musikfreund zu Gemüte führen.

(47) audite - Friedrich Gulda. The Early Recordings

4 CDs. 1.) Ludwig van Beethoven: Klaviersonate op.14,2 und op.109. 15 Variationen und Fuge op. 35, Eroica-Variationen. 32 Variationen c-Moll WoO 80. 2.) Claude Debussy: Pour le piano, Estampes II, Image III, Préludes 1er livre, VI, IX, Suite Bergamasque. Maurice Ravel: Gaspard de la nuit. 3.) Frédéric Chopin: Préludes op.28, Nocturne op. 48,1, Barcarolle op.60. Sergej Prokofiev, Klaviersonate Nr. 7, op.83. 4.) Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert c-Moll KV 491. RIAS-Sinfonie-Orchester, Igor Markevitsch. Ludwig van Beethoven: Klaviersonate: .A-Dur op. 101. Friedrich Gulda, Klavier. - audite 21.404

Diese Box mit 4 CDs des Pianisten Friedrich Gulda ist ein überaus wertvolles Zeugnis eines großen Künstlers. Einmal wegen der Überlieferung seiner Interpretationen aus den Jahren 1950 bis 1959, als auch wegen einer Musikerpersönlich- keit, die einen eigenen Darstellungstil geschaffen hat, durch einen schicksalhaften Wandel jedoch nicht wieder angeknüpft hat oder geschweige denn anknüpfen wollte. Wenn man die hier eingespielten Werke anhört, empfindet man tiefes Bedauern über diese Wende, aber auch Genugtuung, dass diese Tonaufzeichnungen nun wieder dem Musikfreund zugänglich sind. Gulda ist in der Phase der 50ger Jahre als einer der ganz großen Pianisten des 20sten Jahrhunderts erkennbar. Er praktizierte zu dieser Zeit einen Gestaltungsstil, der sich markant von dem Pathos und der Monumentalität zur Zeit des III. Reiches abkehrte. Es ist jedoch nicht eine nüchterne oder sachliche Ausführung, die sein Spiel prägt, sondern eine durchaus emotionale, ganz deutlich klassische Gestaltung. Eine derartig wohlgeformte, niemals strenge Formenklarnheit,  sowie auf Schönheit und geradezu lateinische Linienklarheit bedachtes Klangbild hätte man ihm kaum zugetraut, so sehr überdeckte sein späteres Konzertgehabe seine außergewöhnliche musikalische Gabe. Lediglich annäherungsweise wurden sie in den 60er und 70er Jahren seiner Interpretationen der Sonaten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven erkennbar. 

Neben der klassischen Deutlichkeit, beispielsweise in der fast abgeklärten, gar nicht ironischen Färbung im zweiten Satz der 7. Klaviersonate von Prokofiev, und im  positivsten Sinne Formgebundenheit seiner Ausführungen sind als weitere Charakteristika seines Spiels die phänomenale manuelle Technik, seine stilistische Vielfalt und vor allem sein auf allen vier CDs herrlich beeindruckendes Piano und Pianissimo, verbunden mit einer eigentlich schon historisch, also heute nicht mehr zu vernehmenden, Anschlagskultur zu nennen.

Seine interpretatorische Größe, ja Einzigartigkeit hat Gulda bei den Werken von Beethoven und Mozart bewahrt. Sie klingen bei ihm völlig natürlich, aus dem Moment heraus geschaffen und ohne jede Attitüde, in der Ausdruck und Emotion explizit gewollt sind. Als man ihn einmal fragte, warum sein Beethoven-Spiel so natürlich und so echt beethovenisch klinge, hat er  geantwortet: ich setze mich ans Klavier und beginne und dann fließt alles von ganz allein. Auf diese Weise hat man in jeder der hier eingespielten Sonaten das wohltuende Empfinden, so hat es der Komponist intendiert. Nicht vergessen sollen die 32 Variationen c-Moll sein, bei denen Beethoven genial ein profiliertes Thema von acht Takten Themenlänge findet und in einen ganzen Kosmos verschiedenster Variationen von gleichfalls nur acht Takten gießt. Gulda modelliert daraus im reaktionsschnellem Wechsel von Dynamik und emotionalem Ausdruck zu jedem Stück den ihm eigenen Charakter. Die emotionale Flexibilität kommt den 24 Préludes von Chopin in höchst beeindruckendem Maße zugute, wie gleichfalls beispielsweise im Klavierkonzert c-Moll von Mozart. Die Selbstverständlichkeit der Gestaltung aller drei Sätze lässt alle vermeintlichen Schwierigkeiten in Mozarts Werken vergessen. Der wunderbar sonore und stets singende Anschlag weckt die Erinnerung an Clara Haskil, bei der ebenso Schönheit des Tons und Tragik des Ausdrucks vollkommen verschmolzen. 

Einen hinsichtlich perfekter Klarheit und angemessener Leichtigkeit französischen Gulda lernen wir in der so liebenswerten "Suite Bergamasque" von Debussy und noch mehr stupend beim "Gaspard de la nuit" von Ravel kennen. Die Wasserfluten  in "Ondine" entwickelt er aus einem sanften Gemurmel zu aufschäumenden Wellen. Die irrlichternden Verwandlungen des "Scarbo" meistert er mit großer Sensibilität und überragender Brillanz. 

Was wohl kaum einem Musikfreund oder Kritiker noch in Erinnerung ist, stellt Guldas überragende Piano- und Pianissimo-Kultur dar, die ihm jedoch auch zu Konzertzeiten kaum jemand so definitiv zugesprochen hat. Wie ebenmäßig und leicht verschattet spielt Gulda das "Clair de lune" von Debussy. Wie viele Pianotöne findet er in den langsamen Sätzen der Beethoven-Sonaten oder den "Préludes" von Chopin. Unfassbar, wie er das Piano im Prélude Nr. 20, dem weihevollen Choral, in der Wiederholung an der Grenze zum Hörbaren, noch leiser,  klangvoller, noch sonor klingender ausführen kann. Ein derart subtiles Anschlagsvermögen und, nochmals, Pianokultur pflegt heute kam noch ein Pianist (falls er es überhaupt vermag).

Fazit. Hier liegt nicht nur eine der schönsten Musik-Kassette der letzten Jahre vor. Sie ist zugleich eine der wertvollsten, da sie die Kunst eines der ganz großen Pianisten des letzten Jahrhunderts überliefert.

                                                                               *

(46) audite - Wilhelm Furtwängler. Live in Berlin. The Complete RIAS Recordings. 12CDs. Berliner Philharmoniker,  Wilhelm Furtwängler. Gerhard Taschner, Violine. Yehudi Menuhin, Violine. 1. Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 6 F-Dur "Pastorale" op.68 (1947). Sinfonie Nr.5 c-Moll op.67 (1947). 2.) Felix Mendelssohn Bartholdy, Ouvertüre "Ein Sommernachtstraum", op. 21. Ludwig van Beethoven, Violinkonzert D-Dur op.61. Yehudi Menuhin, Violine. Johann Sebastian Bach, Orchestersuite D-Dur BWV 1068.3. Franz Schubert, Sinfonie h-Moll D 759 (1948). Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 4 e-Moll op.98 (1948). 4.) Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 8 c-Moll 5.) Robert Schumann Ouvertüre "Manfred" op.115. Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 3 F-Dur op.90 (1949). Wolfgang Fortner, Konzert für Violine und großes Kammerorchester. Gerhard Taschner, Violine. 6.) Richard Wagner, Vorspiel "Die Meistersinger von Nürnberg", Georg Friedrich Händel, Concerto grosso d-Moll op.6,10. Johannes Brahms, Haydn-Variationen op.56a. Paul Hindemith, Konzert für Orchester op.38. 7.) Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr.3 Es-Dur op.55 "Eroica" (1950), Christoph Willibald Gluck, Ouvertüre "Alceste". Georg Friedrich Händel, Concerto grosso D-Dur op.6,5. 8.) Carl Maria von Weber, Ouvertüre "Der Freischütz". Paul Hindemith, Sinfonie "Die Harmonie der Welt". 9.) Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr.3 (1952). Franz Schubert, Ouvertüre "Rosamunde" D 644. Boris Blacher, Konzertante Musik für Orchester op.10. 10.) Franz Schubert, Sinfonie h-Moll (1953). Sinfonie Nr. 9 C-Dur D944 (1953). 11.) Johannes Brahms, Sinfonie Nr. 3 (1954), Richard Strauss, Don Juan op.20, Richard Wagner, Vorspiel und Isoldes Liebestod zu "Tristan und Isolde". 12.) Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr.6 (1954). Sinfonie Nr.5 (1954). Bonus-CD Kolloquium in der Hochschule für Musik, Berlin. Werner  Egk und seine Studenten interwieven Wilhelm Furtwängler, 27.2.1951. - audite 21.403. 

Diese Kassette mit zwölf CDs bietet die Interpretationen von Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 1947 bis 1954 an. Es ist jedoch ebenso wichtig, darauf hinzuweisen, daß dieser Sammlung eine 13. CD beiliegt, die ein Kolloquium mit Furtwängler und Musikexperten über die Prinzipien der Interpretation und praktische Probleme der Musikausübung wiedergibt. Diese  Podiumsdiskussion fand 1951 in der Berliner Hochschule für Musik statt. der Diskussionsleiter ist Werner Egk. Es kommen jedoch auch Musikologen, Musikkritiker und Studenten zu Wort. Dieses öffentliche Gespräch erhöht den Wert dieser CD-Sammlung außerordentlich. Nach anfänglich ziemlich oberflächlichen Fragen, gewinnt der Dialog zwischen Dirigent und Publikum an Tiefgang. Wir erfahren die Einstellung Furtwänglers zu Regisseuren und Sängern, zu Mozarts "Zauberflöte" oder Wagners Opern, zu Kompositionen der Romantik und der Moderne. Daß er dem Jazz nichts abgewinnen kann, sollten wir ihm nicht übelnehmen. Insgesamt ist das lebendige Gespräch sehr informativ und auch in der Wiederholung aufschlußreich.

Zum zweiten ist die Lektüre des Booklets sehr empfehlenswert. Es  enthält einen umfassenden und detaillierten Überblick über das politische Verhalten Furtwänglers in der NS-Zeit. Der ausführliche Essay enthält Fakten und Schlussfolgerun- gen, denen man sich anschließen kann oder nicht. Des weiteren wird die Charakteristik der Musik-Interpretationen um den Begriff "Spätwerk" diskutiert, ebenso die Bedeutung der Programmgestaltung. Die akribisch ausgearbeiteten Editorischen Hinweise sind vorbildlich. The booklet wordings are translated very carefully, the bibliographic descriptions of each musical work are written in English anyway.

Die Klangqualität ist größtenteils sehr gut, wenn man sich bewußt ist, daß die Aufzeichnungen in den Nachkriegsjahren gemacht wurden. Das Bandmaterial und die Mikrophone konnten noch nicht den Standard späterer Jahre und technischen Entwicklung erreichen. Die erste CD klingt, wohl durch exzessives Remastering, viel zu scharf. Die restlichen CDs kann man problemlos anhören. Das Orchester und einige Solisten erreichen nicht das technische und klangliche Niveau der Vorkriegszeit. Und dennoch erfüllen die Musiker den höchsten interpretatorischen Maßstab, vor allem dank dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Alfred Brendel schreibt in seinem Buch "Nachdenken über Musik", daß man sich im Gespräch gerade mit jungen Menschen am ehesten auf einen Musiker einigen könne - das sei Furtwängler. Gemeint war dabei der musikalische Gehalt, die Nachdringlichkeit, der innere Nachhall, der unendliche Spannungsbogen bei jedem Werk. Heute oder auch schon seit den achtziger Jahren bemäkelt man die langsamen Tempi des Dirigenten. Häufig spielt man dabei Furtwängler gegen Toscanini aus, was rein metrisch nicht stimmt; es sind oft nur Sekunden, die beide Dirigenten voneinander trennen. In der Tat verschreibt Furtwängler  manchen Werken ein sehr langsames Tempo, etwa der 6. Sinfonie von Beethoven, dem Concerto grosso von Händel oder der 3. Sinfonie von Beethoven. Das fällt deswegen auf, weil man keine Begründung für die Langsamkeit eines Allegro findet. Die übliche Kabbelei um die richtige Metronom-Zahl, die Beethoven auf manche seiner Kompositionen niederschreibt, ist müßig und unnötig. Die MM-Zahlen sind zumeist widersprüchlich, und man sollte stets Beethovens Urteil über Metronome beherzigen: "Zum Teufel mit allen Maschinen." Beethoven selbst interessierte die metrische Genauigkeit eines Tempos nur zeitweilig. Die erste Frage an seinen Adlatus Schindler nach einem Konzert war: wie war die Prosodie. Das heißt:  er wollte erfahren, ob die Musiker auch verständlich und verständig, sowie angemessen ihren Notentext artikuliert und phrasiert gespielt hätten. 

Ähnlich geht es um die Größe eines Orchesters und die breitgefächerte Dynamik bei Furtwängler. Die gesamte Konzeption des Barock, ob in Literatur oder höfischem Leben, lebt von dem  größten Kontrast und der sicht- und hörbaren Kraft und Fülle der Worte, des Ausdrucks und der Töne. Von Johann Sebastian Bach über Georg Friedrich Händel bis Wolfgang Amadeus Mozart kennen wir Zeugnisse und oft Klagerufe nach mehr Fülle, nach mehr Umfang in der Stimmenbesetzung. Warum sollten  wir Musik der Barockzeit plötzlich in höchster Magerstufe spielen? Bei Furtwängler spielen die Begriffe Kraft und Fülle eine enorme Rolle. Es mag sein, daß Genossen unserer Zeit die Barock-Interpretationen nicht mehr mögen. Legitim ist Furtwänglers Auffassung allemal.

Eine ähnliche Haltung nimmt Furtwängler zum Thema Tempo ein. Im Podiumsgespräch (CD 13) äußert er einmal, daß die Organisten (in den dreißiger Jahren zumindest) alle zu schnell spielen. Sie würden, nicht nur bei Bach, die zahlreichen hörenswerten Klänge, Akkorde, Melodien und Farben gar nicht ausspielen und dem Hörer in den Genuss dieser Dinge kommen lassen. Bei zahlreichen Einspielungen dieser CD-Sammlung kann man jedoch kaum einen Unterschied zwischen der damaligen und heutigen Tempowahl feststellen. 

Es gibt jedoch einen, ganz entscheidenden Unterschied in der Spielweise Furtwänglers, die ihn auch heute noch als einen der größten Dirigenten der Musikgeschichte machen. Kein anderer Musiker vor und nach ihm besitzt diese einzigartige Fähigkeit: es ist das Sostenuto. Definition des Sostenuto lautet: gehalten. Ein Ton oder Akkord soll so lange gehalten, ohne Minderung in Lautstärke und Tempo, gehalten, gespielt oder geblasen werden, wie er notiert ist. Wagner macht in seinen Partituren ausgiebig davon Gebrauch, weil er die Praxis des Abschlaffens zu einem Takt- oder Passagen- Endes hin kannte. Die deutsche Orchesterkultur zeichnet sich seit vielen Jahrzehnten durch die Beachtung des Sostenuto- Klanges aus. Bei Wilhelm Furtwängler ist es geradezu ein dominierendes Interpretationsprinzip. In allen Musikstücken dieser CD-Kassette hören wir dies konzentrierte, bezwingende Aushalten von Klang, Farbe und Intensität. Dieses Insistieren, diese unnachgiebige Forderung nach vollem, der Partitur gemäßen Ausführung eines musikalischen Werks zeichnet ihn wie kaum ein anderer Dirigent aus. Am ehesten Herbert von Karajan hat dieses Sostenuto-Spiel weiter kultiviert. Man höre nur das Finale der vierten Sinfonie von Johannes Brahms mit Furtwängler, dann kann man nur mit höchster Bewunderung staunen, wie er, ohne das Tempo anzuziehen, die Intensität immer noch weiter und weiter steigert. Und noch ein Merkmal von Furtwängler gilt zu bestaunen: das ist die Leidenschaft, mit der er sich der Musik und den Ausführenden widmet. Leidenschaft in dieser Intensität und grandiosen Kraft hört man heute kaum noch. Lautstärke und Tempo sind die bestimmenden Parameter bei den meisten der heutigen Ausführungen. Um so wertvoller ist die Auswahl dieser Aufführungen mit Wilhelm Furtwängler.

Fazit: Eine überwältigende Dokumentation des großen Genies von Wilhelm Furtwängler. Wir können uns glücklich schätzen, diese Interpretationen zu besitzen. Diese Einspielungen muss jeder Musikfreund gehört haben. Diese Musik  mit Wilhelm Furtwängler gehört mit zum Wertvollsten, das man in seinem Musikarchiv bewahren kann. 

                                                                                  *

(45) Bärenreiter-Verlag/J. B. Metzler, Verlag, Kassel

Lewis Lockwood, Beethoven. Seine Musik. Sein Leben. ISBN 978-3-7618-1846-6. 456 Seiten. 2009.

Hier haben wir eine in jeder Hinsicht moderne Beethoven-Biographie an der Hand. Lockwood verarbeitet in einem wohltuend flüssig geschriebenen, doch seriös fundiertem Werk die Literatur bis zum Jahre 2008 und vermittelt uns ein außerordentlich lebensnahes Bild von der Persönlichkeit Ludwig van Beethovens und etliche wissenschaftlich auf neuestem Stand gebrachte Analysen seiner wichtigsten Werke. Ein erster Pluspunkt geht an die stilistische Gelassenheit der biographischen Beschreibung des Komponisten (1770-1827). Die bis ins 20. Jahrhundert reichende Vergötterung und Heldenverehrung seiner Persönlichkeit ist einer sachlichen, mit vielen Details unterlegte Beschreibung gewichen. Das fängt bereits mit der ausführlichen Erwähnung an, wie häufig Alkoholmissbrauch in Beethovens Familie anzutreffen war. Großvater, Vater und Mutter waren für ihren Abusus stadtbekannt. Es ist verständlich, dass der junge Ludwig aus diesem Familienmilieu floh, jedoch auch in Wirtshäuser, wo er ebenfalls dem Alkohol zusprach. 

Der Dirigent Michael Gielen hat Richard Strauss vorgeworfen, dass dieser inmitten der größten Grausamkeiten seiner Zeit eine Oper wie "Capriccio" schreiben konnte und so nicht auf die unmenschlichen Umstände in der Welt reagiert hätte. (Das könnte man Bach und Händel auch vorwerfen). Gielen hatte dabei wohl eher Arnold Schönberg und insbesondere dessen Komposition "Ein Überlebender aus Warschau" im Blick. Für Ludwig van Beethoven trifft die enge Verbundenheit mit der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwart in außerordentlich starkem Maße zu. Entsprechend geht Lockwood sehr detailliert und ausführlich auf die geschichtlichen und soziologischen Ereignisse ein, an denen Beethoven regen Anteil nahm. Weiten Raum widmet der Autor dem Geist der philosophischen Aufklärung und den Klassikern Friedrich von Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Napoleon Bonaparte erhält zurecht ein eigenes Kapitel, da besonders in Wien, das Beethovens Lebensmittelpunkt war, die Auswirkungen seiner Taten spürbar waren. Waren die ersten seiner Kompositionen im 18. Jahrhundert noch von äußeren Ereignissen unberührt, so gipfelt die pathetische Verehrung und nachfolgende Verachtung für den Imperator in der Werkgeschichte, nicht nur der Widmungsgeschichte, in der Konzeption der 3. Sinfonie, der "Eroica". 

Ausgeprägt fallen bei Beethoven, neben der Heldenverehrung, das Streben nach Anerkennung und Erfüllung der Liebesgefühle aus. Lockwood bespricht ausführlich die Widmungen fast jeder Komposition, zumeist für Exponenten des Hochadels oder eine seiner Schülerinnen. Diese spielen beim durchaus abwechslungsreichen Liebesleben des Komponisten eine große Rolle, es werden zahlreiche Namen genannt. Jedoch den Namen der Frau, an die das Heiligenstädter Testament gerichtet ist, kann auch der Buchautor nicht mit Sicherheit angeben. Der Grund, warum Beethoven keine Ehepartnerin gefunden hat, liegt einerseits an seinem Unabhängigkeitsstreben, das eine enge Gefühlsbindung schwerlich zuließ, andererseits war er, wie es bei einer Ablehnung eines Heiratsantrags von ihm hieß, ausgesprochen ungepflegt und häßlich. 

Ein bedeutsames Kapitel, die zunehmende Taubheit, nimmt viele Seiten ein. Es wird bei der Lektüre deutlich, dass bei Beethoven schließlich kein vollständiger Verlust des Gehörs eintrat. Das bezeugen nicht nur die Hörhilfen, die er bis zu seinem Tode in Anspruch nahm, sondern auch Aussagen, die über ein chaotisches Stimmgewirr bei größeren Menschen- ansammlungen oder gleichzeitigem Vortrag mehrerer Instrumente klagen. Dass es sich bei der Todesursache letztlich um eine "Bindegewebsschwäche und Immunkrankheit" gehandelt habe, ist jedoch nicht akzeptabel. Hier hätte Lockwood sich auf die deutsche medizinische Fachliteratur stützen können, die den Alkoholabusus und die Leberzirrhose glaubhaft belegt. 

Erwähnt wird eigens in einem Abschnitt Beethovens zweifelhaftes Verhalten gegenüber seinem Neffen und seiner Schwägerin, die für ihn kein Ruhmesblatt des Humanismus darstellen. Es ist nun einmal bekannt, wie brutal, ja inhuman sich der angemaßte Pflegevater verhalten hat. 

Nicht jedes Werk Beethovens wird von Lockwood angesprochen, jedoch die meisten Werkgruppen, zu denen Beethoven Werke geschrieben hat. In immer wieder mehr oder weniger ausführlichen Beiträgen und in verschiedenen zeitlichen Zusammenhängen werden die Streichquartette op.18, op. 52 und ab op.127 als Beginn einer neuen Epoche für die Kunstform des Streichquartetts und das innovative Schaffen Beethovens dargestellt. In gleicher Weise gelingt es Lockwood, die herausragende Bedeutung der Klaviersonaten aufzuzeigen, deren traditionsfreier und genialischer Neuanfang schon bei den Sonaten op.3, dann im Verlauf der klavieristischen Karriere bis zu den Sonaten op.106, 109, 110 und 111 hörbar wird. Die neun Sinfonien bekommen genügend Platz in Lockwoods Buch; über zwanzig Seiten erhält allein die neunte Sinfonie. Weitere Werkbeschreibungen sowie einige tonale und strukturelle Analysen erhält der Leser zu kammermusikalischen Werken, Militärmusik, Klaviervariationen, Liedern  sowie  Oratorien und Messen, 

Die flüssig zu lesende Darstellung Lockwoods über Beethovens Leben und Werk steht auf der Höhe unserer Zeit und gewinnt ihren besonderen Wert durch die ausgewogene und informative Betrachtung des Komponisten Ludwig van Beethoven.

 

(44) Bärenreiter-Verlag, Kassel. 

      Bärenreiter Basiswissen. 

      -  Grundwortschatz Musik, 55 Begriffe, die man kennen sollte. Marie-Agnes Dittrich. 

          ISBN 978-3-7618-1841-8

      -  Musikalische Meilensteine Band 1. 111 Werke, die man kennen sollte. Silke Leopold, Dorothea

         Redepenning, Joachim Steinheuer. ISBN 978-3-7618-1942-3

      - Musikalische Meilensteine Band 2. Leopold, Redepenning, Steinheuer. ISBN 978-3-7618-1943-2

         © 2008. 

Hier liegen drei außerordentlich nützliche Helfer auf dem Gebiet der Ernsten Musik vor. Abiturienten, Studenten, Fachjournalisten, Redakteure und jeder interessierte Musikliebhaber finden in den drei Büchlein im A6-Format nützliche Hilfe und eine wissenschaftlich unbestechliche Orientierung bei ihrer Arbeit. Die Maßgabe, hier 111 musikalische Werke vorgelegt zu bekommen, die ein Muß für den Laien und Kenner bedeuten, sollte nicht dazu verführen, sie für die absoluten Top-111 der Musikgeschichte zu halten. Jeder Musikkenner wird ohne Mühe etliche Kompositionen und Sachwörter anführen können, die gleichfalls einen Platz unter die 111 wichtigsten Werke oder unverzichtbares Kennwort einnehmen sollten. Hier liegt keine Rangliste oder ein Elite-Pool der ewig Besten vor. Die Zahl 111 ist eh ein adretter Hinweis auf das opus magnum unter Beethovens Klaviersonaten. Oder, wie die Herausgeber  im Vorwort schreiben: dies sei ein Leitfaden, sich im Labyrinth  der Musikgeschichte zurechtzufinden. Außerdem kann man nachprüfen, welche wichtigen Kompositionen dem jeweiligen Leser im persönlichen Musikrepertoire noch fehlen. 

Jedes Lemma stellt also ein Hauptwerk oder einen maßgeblichen Begriff zur Kennzeichnung einer Epoche, eines Hauptwerks eines Komponisten oder die Standardbezeichnung eines musikalischen Inhalts vor. Die Qualität der 
Beiträge liegt durchwegs auf hohem Niveau; sie lassen sich in ihrer streng wissenschaftlichen und flüssigen Sprache ohne weiteres verstehen. Als ein guter Einfall stellen sich die kurzen und prägnant formulierten Kommentare, Hinweise oder Definitionen am Rande einer Seite dar. Zahlreiche Querverweise sorgen für einen erweiterten Überblick über ein Stichwort. Am Schluß eines jeden Kapitels der Musikalischen Meilensteine wird eine repräsentative Literaturstelle und eine bedeutsame Einspielung vorgeschlagen. Oft erhält der Leser durch einen Hinweis auf ein bestimmtes Musikstück eine konkrete Vorstellung zu einem Stichwort des Grundwortschatzes. Sachliche Fehler findet man kaum (die Darstellung der wohltemperierten Stimmung sollte jedoch noch einmal überdacht werden. Der fehlende Bindebogen auf Seite 11 im Büchlein Grundwortschatz im zweiten Takt des Tristan-Akkords wurde in Meilensteine Band 2, Seite 193 beim Stichwort Tristan und Isolde nicht wiederholt). Zahlreiche Literaturhinweise und ein Werkverzeichnis ergänzen jeden Band. 

Fazit: mit den drei Bändchen Basiswissen hält man nicht nur ein ausgezeichnetes Repetitorium in den Händen, das sachliche Informationen zur Geschichte und Rezeption auf neuestem Stand liefert, sondern auch als anregende Lektüre für die Freizeit.

(43) Audite - Ouverture, Works for Trombone Quartet. Münchner Posaunen Quartett

Transkriptionen für Posaunen-Quartett von Michael Praetorius, Johann Sebastian Bach, Joseph Bodin de Boismortier, Gioacchino Rossini, Samuel Barber, Claude Debussy, Johannes Brahms und Gaetano Donizetti. Münchner Posaunen Quartett: Thomas Horch, Dany Bonvin, Ulrich Pförtsch, Volker Hensiek. Arrangements: Thomas Horch. audite 97.533, 2007. 

Trompeten-Ensembles hört man oft, weil sie zumeist brillant schmettern und den Gesamtklang unüberhörbar dominieren. Darüber sollte man nicht die Posaunen vergessen, die ebenso glanzvoll und virtuos musizieren können. Ein schönes Beispiel bildet diese CD mit dem Münchner Posaunen Quartett, das über alle Maßen schon eingangs die Tanzsuite von Michael Praetorius präzise und technisch meisterhaft vorträgt. Doch es wird eben nicht ständig im Forte-Bereich aufgetrumpft. Die im traurigen Moll auftretende der Sonata à 4 geht in ihrem abgedunkelten Affekt ebenso zu Herzen. Einmal nicht nur bekannte Barockmusik, sondern durch und durch romantische Klänge hören wir mit der Ouvertüre zu Rossinis Oper "Wilhelm Tell". Ganz spannungsvolle Passagen treffen auf ein rasantes Gewitter und einen anschließenden flotten Galopp. Das alles wird technisch perfekt und hinreißend schwungvoll ausgeführt. Im schlendernden Swing geht es in Debussys "Golliwogg's Cakewalk" vorbei. Mit einem flinken und witzigen Ausgang bei der Ouvertüre zu Donizettis Oper "Don Pasquale" schließt diese absolut empfehlenswerte Einspielung. Als Geschenk zu allen Jahreszeiten und Anlässen bestens geeignet. 

                                                                                 *

(42) Melba Recordings

(Alle Melba-Recordings sind in Deutschland bei Klassic Center Kassel erhältlich)

a.)Encore, my Good Sir. Lin Jian, Horn; Benjamin Martin, Piano

Music for horn and piano by Robert Schumann, Peter Maxwell Davis, Gunther Schuller, Esa-Pekka Salonen, Francis Poulenc, Marin Marais, Paul Hindemith, Johann Sebastian Bach, Otto Ketting, Thaddeus Huang.     © 2008. MR 301116 

This is another example for fine and apart  music on a CD by Melba. The program promisses delicate and rare pieces of music for horn and piano. But also the outside and inside that means the cover sides show in an "art nouveau" style a golden horn, followed by tastefully designed wordings in English, German and French about the compositions and the performers. All pieces can be played as an encore to end an concert. Nearly all stem from important composers, but are nearly unknown, since they are set for the rare combination of horn and piano. Each piece is worth to be praised because of their originality and musical substance. 

That starts with the Adagio and Allegro op. 70 by Schumann, and continues with the Sea Eagle for horn and piano, composed by Peter Maxwell Davies What a nice tale and description by the famous conductor, and what a wonderful homage to the majesty of these great sea birds. Don't forget the romantic Nocturne by Gunther Schuller or the Horn Music by Esa-Pekka Salonen. We know that Hindemith was a great composer of the 20th century. His sonata for Alto Horn and Piano substantiate the positive estimation. Really whitty and exhilarating is the short piece "La Basque", a vitalizing dance which the great horn legend Dennis Brain preferred to play as an encore, also one week before his death. A precious discovery is the Intrada (1958) by Otto Ketting. This is a great contribution to the horn literature. The "Encore, My Good Sir" (2006) by Thaddeus Huang gives a great pleasure for an audience and gave the name for this unique CD. 

Lin Jiang is a great horn player and musician. He is capable of either a perfect legato playing as well as a narrative articulation. The dynamic range of his performance goes from a solid, voluminous fortissimo to a pianissimo nearly at the edge of listening. Technically his piano partner is adequately gifted. His contribution to a romantic atmosphere and rhythmic accentuation is admirable.

To sum up: a rare and exquisite program, played by two young but nevertheless masterlike playing musicians. I recommend warmly to enjoy these wonderfull tones.  

                                                                                   *

b.) Rhapsodie, Fantasie, Poème. Music for horn and orchestra by Jean-Michel Damase, Charles Koechlin, Paul Dukas, Camille Saint-Saëns, G.W.L. Marshall-Hall.

 Ben Jacks, Horn. Orchestra Victoria, The Queensland Orchestra, Barry Tuckwell, Conductor. 

© 2008. MR 301117

Likewise to the preceeding CD ""Encore, My Dear Sir" we listen here to first class horn music in an excellent blowing technique. Ben Jacks gives as horn soloist and the Queensland Orchestra under the legendary horn player Barry Tuckwell in every piece the best. Nearly all composers own a fine reputation, their works for horn and orchestra are nearly forgotten or unfortunately neglected. It is the merit of Melba bringing the Concerto or the Rhypsodie by Jean-Michel Damase, the Poème by the great Charles Koechlin, and the absolutely inspired Phantasy (1905) by G.W.L. Marshall-Hall to public daylight. The last work is at the first time to be enregistated on CD. Because of the  admirable performance of all musicians, equally to Lin Jiang, this CD is as well highly to be recommended. 

                                                                                   *

c.) Tzigane. Music for violin, cello and piano by Maurice Ravel. 

Kristian Winther, violin; Anthony Romaniuk, piano; Michelle Wood, cello. 

© 2008 MR 301115 

"Tzigane" is for every violin virtuoso an absolute touchstone for craftsmanship and genuine temperament. Winther and Romaniuk meet the high level of technical perfectness and musical lambency without any dout. The wild final ends after a convincing crescendo and furious accellerando. The sonata for violin and piano gives Winther the opportunity to demonstrate his exzellent manual facilities and taste for colors. The pièce en forme de habañera is the moment for the piano player and his chime-like keystroking. The sonata for violon and violoncelle let us hear a dreamlike conversion of the mutual timbre. The set "très vif" is a masterpiece of vividness and strong impulses.

Here play two young masters, convincing the listener through technical skill and mature insight in this wonderful  music.

                                                                                   *

d.) The Galant Bassoon. Sonata for Bassoon and Harpsichord, and basso continuo. Bassoon-Sonata by Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach and Carl Philipp Emanuel Bach. Matthew Wilkie, Bassoon. Neal Peres Da Costa, Harpsichord, Kees Boersma, Dobble Bass. Melba Recordings, MR 301124. © 2009

Six sonatas of serene chamber music from older times. According to the nicely designed booklet (in English, German, and French) five of them are transcritions. Nonetheless, the adaption to a wonderful softly and warm sounding bassoon are quite natural and sacrificed by other transcrition habits of each composer. Every sonata is a pearl by itself, but, frankly, to be subjective, I like the sonata in d minor by Carl Philipp Emanuel Bach most. A delightful allure of tenderness guides to the loveableness of the rokoko. So, common in the epoch of baroque time, these works are individual examples of this time. 

Listen to it in an intimite moment, but why not in times of joy and comfortness.

                                                                                  *

e.) Gothic Toccata. Organ music by Richard Mills, Andrew Schultz, Graeme Koehne, Ross Edwards, Colin Brumby, Sir George Thalben-Ball, Alfred Hill, Phyllis Batchelor, Fritz Hary, Percy Aldridge Grainger. 

Cavin Bowman at the Grand Organ of Melbourne Town Hall

© 2007. Melba Pantheon PD 70001 

With whatever you begin to praise this CD and the music therein engraved - it doesn't matter. Let's start with the booklet. As its compagnons of all other CDs of Melba Foundation, it is perfectly designed in respect to layout and printing. It is a pleasure to read the letters and the text. Just the content is a masterpiece of clearness and qualitiy of information. Two colour photos show the organ artist at the organ console and once en face. Follows a short essay about the history and final restoration of the Melbourne Town Hall Grand Organ by the Schantz Organ Company of Orrville, Ohio, USA in 1997. Very usefull are the short and authentic explanations to each composition, in most cases as contributions of the composer. A highlight is the accurate enumeration of all 150 ranks in the Great Organ, Swell, Choir, Solo Organ, Bombarde Sub-Division,  Fanfare Sub-Division, Orchestrial Organ, Echo Organ and Pedal, and Pedal Organ.  Together with the couplings and other helping devices you  can count to 246 stops.  The names of many ranks reveal their French, Italian or German origin, like Harmonic Flute, Violette, Tercina, Lieblich Gedackt,  Posaune or Glockenspiel. One can realise a complete symphony orchestra by this differentiated choice of voices. Curricula vitae of Dr. Calvin Bowman and the composers complete the booklet.

The jubilant entrance with "Epithalamium" (1983) by Rhichard Mills gives a good glimpse into the power and freshness of the voices of this instrument. This is also true for the introvert tenderness of the middle part and the fanfare final. The "Études Espace I-III" (1986) by Andrew Schultz combine modern abstract sounds with the beauty of an harmonic choral like an even song. All these four compositions are recorded here as a world première. The "Gothic Toccata" (1983) by Graeme Koehne got it's title by "the organist David Kinsela for the tenth  anniversary of  the Sydney Opera House Organ. Both  the nature and title of the work are derived from John Ruskin's definition of the 'characteristicor  moral elements of Gothic' in his book the Stones of Venice (1853). the elements he describes are: Savageness; Love of Change; Love of Nature; Disturbed Imagination; Obstinacy and Generositiy." The result is a  wonderfull conglomerate of all these constituants, worth to give this outstanding CD its name. A tribute to nature and voices of Australia are "Dawn Canticle & Organmaninya" (2004) by Ross Edwards, even if some mantralike and pentatonic scales may belong to world music. It is typical Austalian through its mystical bass foundation of a didjeridu. The sympathetic touch of times long ago come from the "Elegy" (1944) by Sir George Thomas Thalben-Ball. The remaining pieces - "Valse triste" (1914) by Alfred Hill, "When I was one-and-twenty" by Phyllis Batchelor, the "Fantasia in G minor" (1912) by Fritz Hart and the Children's March - Over the hills  and far away" (1919) by Percy Aldridge Grainger - carry us to the first half of the 20th century and keep alive the heritage of the anglo-american organ music.

Calvin Bowman is an excellent organ player, gifted with outstanding technical skills. He makes us familiar with the eminent riches of the organ, without any exaggeration, but due virtuosity. So we can enjoy the wonderfull voices of this organ and the multifaceted treasure of English organ music and from down under. 

                                                                                     *

(41) Johann Sebastian Bach, The Welltempered Clavichord - Das Wohltemperierte Clavichord, Teil I und II. Teil I Clavicord von Martin Kather (1999), nach einem Manuskript von David Tannenberg, ca. 1761. Teil II, Clavicord von Martin Kather (1997), nach deutschen Meistern im französischen Stil. Jaroslav Tuma, Clavicord. 

Aufgenommen Teil I Januar 2000, Teil II August 2002. © 2008 2HP Production s.r.o., Prag. F 10165.  Vertrieb: Klassik Center Klassik.

Das Clavichord hat es nie, wie das Cembalo, auf die Podien von Konzertsälen geschafft. Mit ihm wurde auch keine Renaissance Alter Musik eingeleitet, da Wanda Landowska, die Urheberin der historischen Aufführungspraxis, das Cembalo bevorzugte. Dennoch ist das Clavichord nie ganz in Vergessenheit geraten. Es hat sogar seinen Zugang zum Jazz gefunden, als Oscar Peterson vor etwa vierzig Jahren an einem elektrisch verstärkten Clavichord ein Medley aus George Gershwins "Porgy and Bess" einspielte. 

Unter den zahlreichen Einspielungen des Wohltemperierten Klaviers ist die von Jaroslav Tuma am Clavichord aufgezeichnete Version etwas ganz Besonderes. Er wählte für den ersten Teil ein eher norddeutsch timbriertes Clavichord und für den zweiten Teil ein eher französisch klingendes. Das "französische" Clavichord klingt ein wenig grundtöniger sowie weicher, und eben "französischer", sehr geeignet für die Clavierwerke von Rameau oder Couperin le Grand. Das Booklet in tschechischer und englischer Sprache enthält ein ausführliches Interview mit Tuma zu den Umständen, wie diese Clavichord-Aufnahmen entstanden sind, dazu noch eine kurze Biographie des Meisters. Ein Photo eines stattlichen Clavichords ziert die Frontseite des Booklets und des vorderen Covers. Die Rückseite zeigt einen nachdenklichen Tuma. 

Nur zur meisterhaften und wunderschönen Interpretation der beiden Bach-Zyklen durch Tuma. Wie wohltuend gemütvoll und geduldig sind die Tempi, mit denen der tschechische Meister sich jedem Präludium und jeder Fuge widmet. Er spielt die Stücke für einen privaten Kreis, ohne Konzertsaal-Attitüde. Dass die Töne der meisten Clavichorde wie aus einem Pappkarton hervorkommen, macht er rasch vergessen. Je länger man durch die Tonarten geführt wird, umso mehr begeistert man sich an dem unerschöpflichen Reichtum des Spektrum der Klangfarben. Aus jedem Stück entwickelt er dessen Eigencharakter mithilfe überzeugendem Tempo, äußerst empfindsamen Anschlagsnuancen und variabler Agogik. Man höre sich beispielsweise die sensiblen Anschlagsnuancen der cis-Moll-Fuge des ersten Teils an, oder den schöngestalteten Klangfluß im Präludium D-Dur I. Angemessen temperamentvoll und tänzerisch hören wir das Präludium es-Moll I, oder sehr eilig und dennoch filigran, dazu außerordentlich virtuos das Präludium E-Dur I, das niemals zu einer neutralen Etüde verkommt. 

Fazit: Man kann mit Tumas farbenreichen und lebendigen Vortrag die grandiose Formenwelt des Wohltemperierten Clavichords mit wachsender Begeisterung genießen. Diese Aufnahme des Bachschen Klavierkosmos' stellt viele Einspielungen, auch großer Pianisten, durch die warmherzige und technisch exzellente Gestaltung mühelos in den Schatten.

 

                                                                              *

(40) Charles-Marie Widor, Complete organ works,  volume 1. 

Symphonie IV op. 13, no. 4. f-Moll.     Symphonie VI op. 42, no. 2, g-Moll

Olivier Vernet, Orgel. Orgue Aristide Cavaillé-Coll (1879), Cathédrale Sainte-Croix d'Orléans. © 2008 Ligia Digital  Lidi 0104193-08. Vertrieb: Klassik Center Kassel. 

Schon der äußere, nicht musikalische Part dieser großartigen Einspielung kann man nur als vorzüglich bezeichnen. Das umfangreiche Booklet in französischer und englischer Sprache informiert ausführlich und sachkundig über die musikalische Situation zuzeiten Charles-Marie Widors. Danach folgen Kommentare zu den beiden eingespielten Sinfonien und jeden einzelnen Satz. Ungewöhnlich viel Platz wird den Editionen der Orgelwerke Widors eingeräumt, nicht zuletzt derer von John R. Near, dessen Widor-Ausgabe dieser Einspielung zugrunde liegt. Die Disposition der Cavaillé-Coll-Orgel in der ehrwürdigen Kathedrale Saint-Croix zu Orléans wird ebenso mitgeteilt wie ein optischer Eindruck mit Photos von der Kathedrale, dem Spieltisch und dem Künstler. 

Es ist ein großer Glücksfall, dass diese Aufnahme die überwältigende Räumlichkeit der Kathedrale und die Klangfülle sowie die Klanggestalt der Register zur Geltung bringt. Mit zunehmendem Alter nimmt die Anzahl der spielfähigen und nicht umgebauten Cavaillé-Coll-Orgeln rapide ab. Hier erlebt man noch den authentischen Klang der C.-C.-Orgeln und die adäquaten Stimmencharaktere, welche die Symphonien Widors optimal zu Gehör bringen. Eine musikalische Ära, die nun auch schon über 120 Jahre zählt, berührt und fasziniert nach wie vor durch ihren genialen Erfindungsreichtum. 

Der Einstieg in diese herrliche und majestätische Kathedralmusik der Symphonie Nr. 4 op. 13 Nr.4 f-Moll gelingt Vernet bewundernswert. Sowohl die Toccata als auch die Fuge (Track 1 und 2) hört man in einer wohlausgewogenen Balance von Diskant-, Mittelstimmen- und Bass-Partie. Das Andante cantabile erhält mit den seraphischen Streicherregistern einen silbrigen Glanz. Das Finale wiederum spielt Vernet äußerst vital und mit großem Elan, dabei, trotz massivem Stimmeneinsatz klar und flüssig.

Ebenso hinreißend und überwältigend beginnt die Symphonie Nr. op. 42 Nr. 2 g-Moll. Mit meisterhafter Technik,   sowohl manualiter und pedaliter, dazu authentischer Registrierung entfaltet er die großangelegte Dimension dieses Werks. Das Cantabile, wohl eine der schönsten Eingebungen der romantischen Orgelmusik, lädt unter der Stimmführung der wunderschönen flûte harmonique zum Meditieren ein. Der Finalsatz erklingt kräftig und temperamentvoll, jederzeit geeignet als prachtvolle Sortie für ein hohes Kirchenfest.

Ganz besonders erwähnt seien jedoch das Scherzo der Symphonie Nr. 4 und das Intermezzo der Symphony Nr. 6.  Wie quecksilbrig, technisch rasant und nahezu schwerelos gelingt Vernet die hoch inspirierte Wiedergabe der quirligen, teils flüsternden, teils aufbrausenden Musik. 

Maître Vernet: congratulations pour cette interpretation tellement légère, ingénieuse et ravissante! 

Fazit: Diese Einspielung der beiden Orgel-Symphonien von Charles-Marie Widor ist in jeder Hinsicht empfehlenswert.

                                                                              *

(39) Carpe diem

De profundis - Tre Bassi

Alain Buet, Paul Willenbrock, Philippe Roche (Baß), Michel Godard (Serpent), Hille Perl (Viola, Lirone) und Lee Santana (Chitarrone). 1. Godard, Improvisations on de produndis clamavi 2. Ebner, De profundis clamavi 3. Godard/De Schepper, L'arraignée 4. Santana, Island on an island 5. Santana, Mr Ed &.  6. Santana  This time the last 7. Benevoli, Collocet eum  cum  principibus 8. Gandi, Deus  misereatur nostri 9. Mazak, Factum  est  praelium magnam 10. Cazzati, Factum  est praelium magnam 11. Godard, Magnificat 12.  Cifra, Magi videntes stellam 13.Gletle, Ave Maria 14. Eisenhuet, Salve Regina. - Carpe diem, CD-16274. © 2008. Vertrieb: Klassik Center Kassel. 

Diese Einspielung erzählt in vierzehn Etappen die Leidens- und Erlösungsgeschichte einer menschlichen Seele, vergleichbar mit dem antiken  per aspera ad astra. Die Texte jeder Etappe bestehen aus Psalmversen, Hymnen, modernen  Songs und biblischen Erzählungen. Daß dieses Tableau nun kein frömmelnder Traktat, sondern eine herrlich ausdrucksstarke und musikalisch überragende Abfolge von wunderschön gesungenen und gespielten Werken besteht, liegt an den meisterhaften Musikern, den aparten Instrumenten und den großartigen Kompositionen. Sehr lebendig und lebensnah, ohne jede mystifizierende Verschleierung, wird hier musiziert. Die Musik vermag den Zuhörer zu bezaubern, wenn beispielsweise der Serpent, ein Instrument aus frühen Tagen der Instrumentalmusik, einen archaischen Klang quasi aus alttestamentarischer Zeit erzeugt. Ebenso gebannt hört man den ungewohnten Streicherklängen der Viola und Lirone zu. Hierfür konnte die weltberühmte Expertin für diese Instrumente Hille Perl gewonnen werden. Der Chitarrone, eine langhalsige Erzlaute, gibt der gezupften Begleitung zu den barocken Klageliedern ein sonores, edles harmonisches und klangliches  Fundament. Nicht nur in den frühbarocken Stücken, sondern auch Werken aus unserer Zeit vernimmt man ausgedehnte improvisatorische Passagen, die in ihrem Jazzstil durchaus authentisch wirken. Die drei kraftvollen, perfekt ausgebildeten und sich sehr gut mischenden Baßstimmen sind bei dem Gassenhauer-Ton bei "Mr. Ed" ebenso überzeugend wie in der an Weill erinnernden Ballade "This time the last". Dem Wunder des Englischen Grußes, Magnificat, entspricht ein "unerhörtes", faszinierendes Konglomerat aus textfreiem Gesang sowie Streicher- und Zupfklang. Eine frohe Botschaft auf herrlich swingenden Rhythmen, bis schließlich alle irdischen und englischen Stimmen ihre Freude und Erregung einbringen. Ein harmonisch-schöner Juwel ist das Ave Maria von Johann Melchior Gletle (1626-1629). Die CD schließt mit einem beseelten, stimmungsvollen Lobgesang aller Stimmen an die Himmelskönigin Maria.

 

(38) Oehms Classics

a) Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen, BWV 988. Arrangiert für Orgel von Hansjörg Albrecht. Hansjörg Albrecht, Orgel. Mühleisen-Orgel, 2000 in Bad Gandersheim. OC 625, © 2007. 

b) Pictures from Russia. Mussorgsky, Rachmaninow, Strawinsky. Three Organ Transcriptions by Hansjörg Albrecht. Modest Mussorgsky, Bilder einer Ausstellung. Organ transcription by Hansjörg Albrecht. Sergej Rachmaninow, Die Toteninsel op. 29. Organ transcription by Axel Langmann. Igor Strawinsky, Three Dances from the Ballet "Petruschka". Organ Transcription by Hansjörg Albrect.  Große Orgel von St. Nikolai, Kiel. OC 632. © 2008.

a) Nach meiner lobenden Besprechung der Einspielung mit Ausschnitten aus dem "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner in der Orgelzeitschrift "organ" Heft 3/08, gibt es einen weiteren erfreulichen Anlass, nämlich die Einspielung der "Goldberg-Variationen" BWV 988 von Johann Sebastian Bach und Werke von Mussorgsky, Rachmaninow und Strawinsky in Transkriptionen vorzustellen. Oehms Classics ist zu beglückwünschen, Hansjörg Albrecht als Interpreten für diese Orgeleinspielungen gewonnen zu haben. Dieser Erzmusiker reüssiert ja ebenfalls als Dirigent, Chorleiter und Cembalist, und erreicht nun mit seiner grandiosen Wiedergabe der Goldberg-Variationen einen derart hohen Qualitätsrang, der ihn in die oberste Klasse der Interpreten-Skala mit Helmuth Walcha, Jean Guillou oder Glenn Gould aufnimmt. Ausschlaggebend ist dabei nicht nur die exzellente, einwandfreie technische Ausführung, sondern wie stilsicher er den Eigencharakter einer jeden Variation erfaßt. Er verwendet dabei originelle Registerkombinationen und verteilt diese effektvoll auf die einzelnen Klaviere und das Pedal. Grandiose Kraft und prachtvoller Grand-Jeux-Glanz steht wirkungsvoll neben zarten Prinzipalklängen und silbrigen Aliquotgirlanden. Die Mühleisen-Orgel aus dem Jahre 2000 ist mit ihren 50 Registern und drei Manualen nebst Pedal ein hervorragendes Instrument für diese Wiedergabe. Das von Albrecht verfaßte Booklet ist in deutscher und englischer Sprache vorbildlich informativ und ästhetisch schön gestaltet. Jede Variation stellt er kurz in ihrem Charakter vor und begründet evident  die dafür gewählte Registrierung. Die Disposition dieser Orgel, die in der Stiftskirche in Bad Gandersheim steht, liest sich klar und übersichtlich.

Fazit: Wegen der originellen und stilgerechten Gestaltung von Bachs Goldberg-Variationen, sowie der auch ästhetisch vorbildlich gestalteten Booklets verdienen Hansjörg Albrecht und Oehms Classic höchstes Lob.

 b)  Auch diese CD ist ein Musterbeispiel für stupende Gestaltung von Orgelmusik, eindrucksvolle Räumlichkeit des Klangbildes und perfekte Aufnahmetechnik. Die mehrmals umgestaltete Kleuker-Orgel in St. Nikolai zu Kiel, deren baulicher und intonatorischer Lebenslauf nebst aktueller Disposition im hervorragenden Booklet aufgezeichnet ist, nutzt Hansjörg Albrecht außerordentlich virtuos aus. Die 48 Register werden in bisher ungehörte Klangkombinationen gebracht, und man hat immer noch das Gefühl, daß Albrechts reiche Klangphantasie noch längst nicht erschöpft ist. Auf  dieser CD werden triumphale und majestätische Klangbilder entfaltet, deren Farbigkeit und Stimmungsdichte absolut überzeugend sind. Die Promenaden-Abschnitte der "Bilder einer Ausstellung" kommen nicht schüchtern daher, sondern nehmen den Inhalt des soeben verklungenen Bildes auf, leiten aber auch stimmig auf den folgenden Anblick über. Besonders tief beeindruckend sind die "Catacombae" und das monumentale "Große Tor von Kiew", ohne daß die anderen Bilder dagegen verblassen. -  Die "Toteninsel" erhebt sich aus einem düsteren, unheimlichen Streicherklang. Der dramatische Mittelteil packt den Zuhörer ebenso wie die ins Nichts verdämmernden Schlußtakte. - Die bunte Zirkuswelt des "Petruschka" erscheint hier völlig legitim in einer anderen Farbgebung, als man es von der Orchesterfassung gewohnt ist. Gerade das ist ein weiterer Vorteil dieser Einspielung. Großartig die immer noch weiter steigerungsfähige Ballung der Klangmassen und Durchhörigkeit der vielstimmigen, dynamisch differenzierten Textur. Der anrührende, silbrige Klang des Zimbelsterns im wuchtigen Finale ist eine liebevolle Pointe; ebenso, daß sein ungedämpfter Ton in die Stille der Schlußakkorde hineinreicht.

Fazit: Eine unbedingt empfehlenswerte Einspielung dreier großer Werke russischer Komponisten. Man hört Klangfarben der Orgel, die man bisher noch nicht gehört hat. Die souveräne Gestaltung von Hansjörg Albrecht ist wiederum bewundernswert. Hohes Lob für einen nachhaltigen musikalischen Gewinn. 

 

(37) Musica rediviva

a) From Castle and Cottage - Torbjörn Näsbom, Nyckelharpa (keyed fiddle, Schlüsselharfe),  Andreas Edlung (Cembalo). MRCD 014 © 2007. 

This is one of the most enchanting and charming pieces of music which has ever been recorded in the last decades. Both fairly old traditional instruments - a coupling of hurdy-gurdy with a fiddel and a  harpsichord - let us hear such a magic and ravishing music, which, I must confess, remained a lot of days in my mind - to my utmost pleasure. The acoustic delight starts with the Kyrkmarch by Olof Jansson (1927-1993), which is a derivative of the Allegro ma non troppo in Beethoven's violin concerto. The glistening sound of the harpa and the sparkling sound of the harpsichord is an overwhelming ear-catcher. The Sonate in c major for both instruments by C.Ph.E. Bach means truly original barock sound, even both instruments are of 20th century origin. You need nice wedding music? Listen to the Kyrkpolska on the harpsichord with buff stop. Absolutely convincing is the transcription of Bach's Cello solo suite in g major on the harpa. It is a new interpretation, one octave higher, but fully agreable. The hopping, dancing rhythm of the Courante and the fluctuant Gigue are admirable. The warm and sonorous tone bares the affect of comfort in two clavecin pieces by Couperin le Grand and Marin Marais. A genuine finale furioso are the 32 Couiplets de Folies by Marin Marais. It unbelievable how hilarious both musicians give every variation a new colour and measure of energy. You hear some in a ludicrous tempo, you hear the howling of a nice cat, or tender voices. Here are true masters of music at work! Congratulations!

The booklet in English, Swedish and Japanese is well equipped with informative texts and nice photographs. Bravo musica rediviva!

b) Bach at Leufsta Bruk, Hans Fagius (Organ). 1. Pièce  d'orgue. - Sechs Choräle von verschiedener Art "Schübler-Choräle" 2. Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 645 . 3. Wo  soll ich fliehen hin BWV 646 4. Wer nur den lieben Gott läßt walten BWV 647 5. Meine Seele erhebet den Herren BWV 648 6. Ach bleib' bei uns, Herr Jesu Christ BWV 649 7. Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter BWV  650 8. & 9. Präludium und Fuge C-Dur BWV 545 10. - 12. Triosonate e-Moll BWV 528 13. - 21. Partita diverse sopra "O Gott, du frommer Gott" BWV 767 22. An Wasserflüssen Babylon BWV 653 23. & 24. Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 Johan Niclas Cahman Organ 1726-28. Temperature Neidhart 1724 "Für ein Dorff". 28 stops, II/P. MRCD 016 © 2007  

Another outstanding peformance of Hans Fagius, famous for his excellent interpretations specially by J.S. Bach. The first movement of Pièce d'orgue comes fluently and lucid. The  Grave is really majestic and weightly. The Lentement, about which everybody is curious how fast a organist will play it, is played as a normal allegretto, which seems right, also here. Each of the following pieces are executed with a light hand and undiminished virtuosity. In the partita "O Gott, du frommer Gott" Fagius finds an admirable variety of voices. Nearly all stops are activiated. The sound of this recording is transparent, but with some very prominent reeds. Generally, this organ is an instrument of wonderful sound. The booklet, again, in English, Swedish and Japanese is explains the special construction of the organ. All stops are listed, also the registration of every piece. This is another master product of musica rediviva.                               

c) Travels with My Lute, Ryosuke Sakamoto (Renaissance Lute). 25 Tracks. MRCD 013 © 2007 

The third of these highly recommendable trias is the most calm one. And it is a nice collage of music especially for lute. Ryosuke Sakamoto plays a modern instrument by Martin Haycock from 2002. The very individual booklet in English and Japanese shows the artist while playing the lute, on another page with a viola da gamba, wandering in a green landscape, and as charming baby in a craddle. Very sympathetic. We are acquainted with a lot of famous compositors and composers, like Antonio Cabezon, John Dowland, J.H. Kapsberger, J.S. Bach, Silvius Leopold Weiss, and Claude Debussy;  or with the famous folk song "Mille regrez" in the version by Luys de Narváez, or La fille aux Cheveux de lin. Nearly all important European countries for lute music are incorporated. Some transpositions like two Swedish folk songs or Spain are convincing. - Ryosuke plays with skilled technique, with a clear, accurate tone (perhaps sometimes too accurate). Nevertheless, this record meets the high level of musical amusement and life, like its predesessors and can recommended very warmly. 

Distribution of all three CDs: CDA/Compact Distribution AB,  Box 4225, SE-102 65 Stockholm , Sweden, Tel +46 8 442 11 20, Fax +46 8 442 11 33, e-mail: cda@cda.se

                                                                                 ***

(36)  Saphir Productions - Gabriel Fauré, Nocturnes. Émile Naoumoff, Klavier.  LVC 1077.   © 2007 Vertrieb: Klassik Center Kassel

Der Name Gabriel Fauré ist in Deutschland selbst dem wenig erfahrenen Musikfreund geläufig. Seine Kompositionen sind, bis auf wenige Ausnahmen, eher unbekannt. Ganz selten jedoch wird in deutschen Konzertsälen eines seiner Klavierwerke gespielt oder in den Medien erwähnt. Dabei gibt es so wertvolle Werke, darunter vor allem die Nocturnes. Leider haben die ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts einen Bogen um das Solo-Klavierwerk gemacht. Und die wenigen meisterhaften Einspielungen - etwas die mit Germaine Thyssens-Valentin oder Catherine Scott - werden kaum beachtet. Was heute an Aufnahmen erhältlich ist, zeichnet sich durch wenig inspirierte Ware aus.  Zum  Glück gibt es jetzt wieder eine Neuaufnahme sämtlicher Nocturnes, die Émile Naoumoff mit bester technischer  Akkuratesse vorträgt. Was jedoch noch viel wichtiger ist, dass er außerordentlich empfindungs- und stimmungsreich die individuellen Stücke spielt. Sein Anschlag erzeugt einen wunderschönen, klangvollen Ton. Seine spannungsvolle Interpretation gibt die Atmosphäre in den melomanen Salons oder den intimen Charakter von Privatkonzerten ganz authentisch wieder.  

Bref: Eine exzellente, wunderschöne Einspielung von Faurés Nocturnes. Technisch auf dem besten Standard. Sie ist in allen Belangen absolut empfehlenswert.

                                                                                ***

(35) audite - Edition Géza Anda,  Klavier. Vol. I (2 CDs) 23.407, Vol. II (2 CDs) 23.408, Vol. III (2  CDs) 23.409, Vol. IV (2 CDs) 23.410

Die Dokumentation mit Einspielungen des Pianisten Géza Anda war notwendig. Sie hält die Erinnerung an einen der großartigsten Pianisten des vergangenen Jahrzehnte lebendig. Der Schüler von Edwin Fischer und Clara Haskil ging eigene Wege. Er orientierte sich an ihrer überragenden Technik und formalen Seriosität, schloss sich jedoch der Sachlichkeit des Anschlags und der musikalischen Gestaltung an, die nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschend wurde. Man mied das interpretatorische Pathos, das nicht zuletzt politisch gefordert und mißbraucht wurde. Géza Anda fügte zum eher rationalen zeitgenössischen Klangstil eine unverkennbare Eleganz und einen die klavieristische Technik betonenden Vortragsmodus hinzu. Unvergessen sind seine rasante Motorik, die markante Rhythmik und unfehlbare Treffsicherheit seiner Ausführungen. Diese charakteristischen Merkmale sind auch in den folgenden acht CDs festgehalten.

Vol. I  Wolfgang Amadeus Mozart, a.) Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466. Kölner Rundfunk-Sinfonie- Orchester, Leitung: Géza Anda. Rec. 28.11.1969  b.) Klavierkonzert  Nr. 22 Es-Dur KV 482. Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Leitung: Constantin Silvestri. Rec. 04.04.1960 c.) Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488. Camerata Academica Salzburg, Leitung: Géza Anda. Rec. 28.01.1962 d.) Symphonie Nr. 28 C-Dur KV 200. Camerata Academica Salzburg, Leitung: Géza Anda. Rec. 28.01.1962 e.) Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467. Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Leitung: Joseph Keilberth. Rec. 16.01.1956. 

Der erste Satz des d-Moll-Konzerts wird von einem weichen Orchesterklang eingeleitet, der den tragisch-dramatischen Grundcharakter betont. Das dynamisch kontrastreiche Spiel Andas klingt in den Piano-Passagen mild und nachdenklich. Dominierend ist jedoch der direkte, diskrete und farbneutrale Anschlag, der jeden Ton des Klavierparts hörbar werden lässt. Es herrscht eine apollinische Ausgeglichenheit zwischen der formalen Gestaltung und dem drängenden, motorischen Impetus. Die vor allem in den romanischen Ländern gepflegte Klarheit der Tongebung und Konturenreinheit wurde wohl selten so perfekt erreicht wie von Anda (allenfalls vergleichbar ist hierbei Dinu Lipatti). Der zweite Satz wird ganz natürlich phrasiert. Das Pedal wird nur ganz behutsam eingesetzt. Die starke emotionale Erregung im Mittelteil steigert sich zu einem eindruckvollen Forte. Im Schlußsatz brilliert Anda mit sicherer Technik auch im raschen Tempo, sein Anschlag klingt hell und lebendig. 

Das Es-Dur-Klavierkonzert wird ebenso klar und lebendig gespielt. In den von ihm geschriebenen Kadenzen im ersten und dritten Satz geht Anda originell und einfallsreich mit Mozarts musikalischen Material um. Der Mittelsatz, ein tief- tragisches Tombeau vermag den Zuhörer stark zu bewegen. Die auskomponierten Schluchzer, die aufwärtsspringenden Oktaven und Dezimen, gelingen ganz unsentimental,  wie  auch der wunderbar zarte und leuchtende Melos in der Dur-Wendung der Schlusstakte. Der klare, wenn auch neutrale Anschlag bestimmt ebenfalls die Wiedergabe des dritten Satzes. Schön und anrührend innig erklingt die Freimaurer-Musik im Mittelteil.

Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegt immerhin ein Zeitraum von neun Jahren, in denen sich klangästhetisch kaum Veränderungen nachweisen lassen. Als habe sich Anda dort den Klangvorstellungen des Orchesters angepaßt, hören wir in seiner Einspielung des A-Dur-Konzerts KV 488 mit der Camerata Academica Salzburg ein radikal anderes Klangbild. Die Streicher heben sich mit einer kantigen Schärfe und dominierenden Lautstärke hervor, zu der die Holzbläser mit ihrem runden, voluminösen Ton einen erheblichen Kontrast bilden. Die Tongebung des Klaviers wirkt ebenfalls auf Schärfe und Hochglanz ausgerichtet. Die Einzeltöne vor allem der rechten Hand werden sehr distinkt ausgeführt, also fast im staccato, jedoch auf Kosten einer melodiösen Linie. Manchmal fixiert sich Anda zu sehr auf jeden einzelnen Anschlag, der dann nur noch farbarm und isoliert erklingt und kaum eine melodiöse Linie bildet.

Leider ergeht es der Wiedergabe der C-Dur-Sinfonie KV 200 in gleicher Weise. Die Schärfen der Streicher ergeben keinen musikalischen Sinn. Die Triller und Mordente im Schlußsatz gehen im raschen Tempo unter.

Nach dieser doch eher befremdlichen Schärfe und Kühle ist die Interpretation des C-Dur-Klavierkonzerts KV 467 aus dem Jahr 1956 eine uneingeschränkte Wohltat. Hier wird mit flüssig und schönklingend musiziert, ohne aufdringliche Schärfe.

Vol. II Ludwig van Beethoven, a.) Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15. Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Leitung Géza Anda. Rec. 28.11.1969 b.) Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10. Rec. 22.07.1955 c.) Klaviersonate Nr. 28 A-Dur op. 101. Rec. 1611.1957 d.) Johannes Brahms, Klaviersonate Nr. 3 f-Moll op. 5. Rec. 16.11.1957 e.) Franz Liszt, Klaviersonate h-Moll S 187. Rec. 22.07.1955.

Bei diesen Einspielungen imponiert ein weiteres Mal die absolute technische Kompetenz Andas. Jeder Anschlag ist eindeutig und hell. Im Beethoven-Konzert führt er seinen Part einerseits mit einem secco-Anschlag aus, bei dem nichts verschwimmt, andererseits jedoch weitgespannte Melodiebögen in einem wohlbalancierten Legato. Im langsamen Mittelsatz wird diese Spannung noch enorm verdichtet. Eine helle Aura der Empfindsamkeit durchzieht den gesamten Satz. Der dritte Satz erscheint in einem leichtfüßigen Allegro. - Die Klaviersonaten sind im technischen Sinne über jeden Zweifel erhaben, lassen jedoch einen warmen Ausdruck und oder emotionale Empfindung größtenteils vermissen. Die Tongebung erscheint farblich neutral und wenig wandelbar. Der Ton ist metallisch, der Anschlag teilweise merkwürdig zackig, so dass keine verbindende, flüssige Melodielinie entsteht. - Auch die Brahms-Klaviersonate wird in einer nahezu neutralen, total entfetteten, energischen Interpretationsweise vorgetragen. Erst im dritten Satz kreiert Anda eine gefühlsselige Atmosphäre. Erst im fünften Satz mit dem fugierten Choral setzt er seine manuellen Stärken für eine imponierende Fülle ein. Die Steigerung in die Schluß-Stretta gelingt ihm mitreißend und überzeugend schwungvoll. - In den Intermezzi von Johannes Brahms mißt er den Einzeltönen zuweilen eine zu große Bedeutung bei, so dass der musikalische Zusammenhang teilweise verloren geht. - Leider enttäuscht die Wiedergabe der Klaviersonate von Franz Liszt weitgehend wegen dieser Spielweise.

Vol. III Robert Schumann, a.) Kreisleriana op. 16. Rec. 06.04.1954 b.) Symphonische Etüden op. 13. Rec. 22.07.1955 c.) Carnaval op. 9. Rec. 05.04.1960 d.) Romance Fis-Dur op. 28,2. Rec. 06.04.1960. Frédéric Chopin, e.) 24 Préludes op.  28. Rec. 17.11.1957 f.) 12 Études op. 25. Rec. 22.07.1955.

Wie großartig, ja einmalig dagegen sind die Interpretationen von einigen wichtigen Werken Robert Schumanns! Man spürt, daß in Géza Anda die musikalischen Seelenbrüder Eusebius und Florestan leben. Bis heute wird man kaum gleichwertig authentische Einspielungen finden können. Dieser jugendliche, lebensprühende Elan, diese rasche Wandelbarkeit zwischen introvertierter Besinnlichkeit und aufbrausende Phantasie werden mit einer hinreißenden Verve gespielt. Schon der motorisch aufgewühlte Beginn der Kreisleriana weckt uneingeschränkte Begeisterung. Ein wahres emotionales Wechselbad sind die innigen, wunderbar zarten Sätze gegenüber den grandiosen Aufschwüngen der extravertierten Teile. - Diese großartigen Vorzüge in Géza Andas Gestaltung treffen ebenso für die Symphonischen Etüden zu. Sie sind, verglichen mit zahlreichen Wiedergaben anderer Pianisten, wohl die gelungenste Einspielung dieses Werks. Diese hochdifferenzierte Gefühlswelt und technisch überragende Ausführung, dazu eine unwiderstehliche Binnenspannung und formale Geschlossenheit erheben diese Einspielung zu einem absoluten interpretatorischen Vorbild. Die Verbindung von einzigartiger klassischer Klarheit  und feurigstem, nie ausuferndem Temperament ist Anda in einzigartiger Weise geglückt. - Die geniale Ausdruckskunst und Personenbeschreibung in Schumanns Carnaval bringt Anda ebenso meisterhaft zur Geltung. - Die 24 Préludes und 12 Etüden op. 25 von Chopin leiden bedauerlicherweise wieder unter der teilweise martellatischen Härte und dem allzu trocken angerissenen, farblosen Anschlag wie in einigen zuvor beschriebenen Aufnahmen. Warum, so fragt man sich, konnten nicht Mozart, Liszt oder Chopin so singend, so sonor, so wunderschön klingend gespielt werden wie in der Romanze op.28,2. Das ist wunderschönster Schumann und großartigster Anda. 

Vol. IV Béla Bartók, a.) Klavierkonzert Nr. 1 BB 91.  Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Leitung Michael Gielen. Rec. 29.04.1957 b.) Klavierkonzert Nr. 2 BB 101.  Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Leitung: Ferenc Fricsay. Rec. 27.06.1952 c.) Kontraste für Klarinette, Violine und Klavier BB 116.  Paul Blöcher, Klarinette. Tibor Varga, Violine. Rec. 08.01.01953 d.) Suite für Klavier op. 14 BB 70. Rec. 22.06.1955 e.) Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug BB 115. Géza Anda, Georg Solti, Klavier. Karl Peinkofer, Ludwig Porth, Schlagzeug. Rec. 09.01.1953.

Bei den Einspielungen von Bela Bartók ist der in Budapest geborene Anda ganz in seinem Element. Hier ist auch der trockene, emotionsneutrale und helle Tonfall angebracht, sei es bei den Solo-Werken oder in der Einheit mit einem Orchester oder den gleichfalls exzellenten Musikerkollegen. Nichts verschwimmt im Ungefähr. Spannung und Intensität sind wichtiger als Gefühlsfülle oder Romantik. Unnachahmlich die präzise Rhythmik, der perkussive Anschlag. Andererseits kann man den singenden und schöngestalteten Anschlag im  ersten Satz der Suite für Klavier bewundern. Die CD schließt mit einer herrlich motorischen und in spielfreudiger Ausführung der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, mit dem legendären Georg Solti und zwei großartigen Musikern am Schlagwerk.

Conclusion.- This is a collection of essential recordings  of one of the most outstanding pianists in the fifty and sixty decades of the last century. Géta Anda, born in Hungary, is a representative of the modern style of interpretation after the Second Worldwar. Free of any pathos, neutral in tone and colour, superb technique, motion more than soft emotion, exposed energy more than introvert retreat - these are the most telling characteristics of his play. Beside some to hard edged and metallic sounding examples of his recordings with the Camerata Academica Salzburg, or the sonata of Beethoven, Liszt, and Brahms, there are actually divine recordings of Schumann and Bartók. The juvenile impetus in Kreisleriana, Carnaval, and even more in the Symphonic Etudes is a ravishing, breathtaking, and marvellous musical experience. Hear it! Be fascinated!

                                                                          ***

(34) Doron music

Franz Liszt, Drei symphonische Gedichte für Orgel und Klavier. Mazeppa, Orpheus, Tasso:  Lamento et Trionfo. Jean-Francois Vaucher (Orgel), Christian Favre (Klavier). Doron music DRC 3015 © 2006. Vertrieb: Klassic Center Kassel. 

Man möchte, wenn man diese Einspielungen hört, leicht abgewandelt, mit Mime (Siegfried, 1. Akt) singen: "Nun ward ich so alt,  wie Höhl' und Wald,  und hab' nicht so was gehört!" Es sind in der Tat ganz unerhörte Klänge, die Jean-François Vaucher und Christian Favre aus dem Zusammenklang von Orgel und Klavier hervorzaubern. Dieses herrliche Mirakel wurde bereits 1987 produziert, im Jahre 2006 jedoch von DORON music, Schweiz, veröffentlicht. Beiden Künstlern standen am Aufnahmeort in der Église St.François, Lausanne, eine Orgel aus dem Jahre 1777 zur Verfügung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im symphonischen Stil von der Firma Walcker umgebaut wurde. Leider fehlen jegliche Angaben über die Größe und die Register des Instruments. Der Flügel stammt von der italienischen Klavierbauerfirma Fazioli. Fest steht, dass das Klavier über einen klaren, glanzvollen (wenn auch nicht stets intonationsreinen) Ton verfügt und die Orgel außerordentlich charakteristische und farbige Stimmen besitzt. Beides ergibt eine wundersame Mischung, ohne technischen oder synthetischen Schnickschnack. Gerade deshalb bezaubern zumindest "Mazeppa" und "Orpheus" von Franz Liszt in dieser originellen Besetzung besonders stark. 

Im "Un poco meno presto" von  "Mazeppa" fasziniert ein wunderschönes Zimbelglitzern der Orgel und der Diskant des Klaviers. Ein lieblicheres jeu perlé kann man auch auf einem Klavier kaum realisieren. Solche Farbeffekte hat wohl noch kaum  ein Orgelfreund je gehört. Einfach hinreißend. Im "Andante mesto" kann man sich am reichlich verwendeten "Tristan"-Interval satthören. "Orpheus" lebt eher von einer generell harmonisch-ästhetischen Stimmung, die von der Orgel mit orchestraler Dynamik und vom Klavier solistisch-zart erzeugt wird. Im "Lento" bewundert man respektvoll die hervorragende Technik beider Musiker,  zugleich auch ihre Ausdrucksstärke in der intimen Stimmung, wie wir sie aus der "Dante-Sonate" mit der Liebeszene der Francesca di Rimini her kennen. Mit einem geschmackvollen Tremolo und weichen Streichern in der Orgel deutet sich die Verklärung des Orpheus an, bis sich schließlich der Sieg über den Tod mit ziemlich pompösen Schmetterklängen Platz schafft. Cosima Wagner nannte das in ihren Tagebüchern den unvermeidlichen Apotheosen-Fimmel. Dennoch, eine großartige Umsetzung des antiken Mythos.

Die Partitur des "Tasso" fällt, gemessen an den beiden vorangegangenen Werken, qualitativ reichlich ab. Die übermäßig ausgedehnten Monologe und einstimmigen Gedankengirlanden verlangen nach einer großen Geduld, die Apotheose meldet sich schon im "Meno Adagio", wirkt aber wegen der reichlichen Oktavkaskaden oberflächlich, ohne daß die beiden Künstler den Stimmungsgehalt vertiefen können. Nach einem überraschenden Vogelzwitschern und einer grazilen Tanzszene steuert das Werk dem wuchtigen Finale entgegen, nicht unähnlich dem Einmarsch der Götter in Walhall aus Richard Wagners "Rheingold". Organist und Pianist spielen zwar großartig, können aber den musikalischen Leerlauf nicht aufhalten.

Fazit: Allein schon wegen der Transkription für die Besetzung für Orgel und Klavier und wegen der einzigartigen Interpretation von Vaucher und Favre lohnt sich der Erwerb dieser CD. Wer Raritäten sammelt und genießen will, wird sich lange an dieser Einspielung erfreuen. Kompliment an Künstler und Aufnahmetechnik!

                                                                                ***

(33) Naxos - Maurice Duruflé, Organ Music (complete)

1. Fugue sur le thème du Carillon des Heures de la Cathédrale de Soissons op. 12,  2 -4. Prélude, Adagio et Chorale varié sur le thème du "Veni creator" op. 4,  5. Prélude sur l'Introit de l'Épiphanie op. 13, 6. Scherzo op. 2, 7-8. Prélude et Fugue sur le nom d'Alain op. 7,  9. Méditation op. posth., 10. Hommage à Jean Gallon, 11-13. Suite op. 5, Prélude,  Sicilienne, Toccata. Henry Fairs, Orgel. Grandes-Orgues Cavaillé-Coll in Notre-Dame d'Auteuil, Paris. Naxos 8.557924  © 2007 

Sobald man den Namen des  Maurice Duruflé (1902-1986) liest, befällt einen stets ein großes Bedauern. Wie wenig hat der große Orgel-Komponist den Orgelfreunden an Opera hinterlassen, und wie viele geniale Werke hat er, von Skrupeln behaftet, zerstört, um nur ein schmales Oeuvre gelten zu lassen. Man kann sicher sein, daß viele weitere wertvolle Orgelstücke von ihm verbrannt worden sind. Freuen wir uns also an dem, was wir von ihm haben. 

Diese Einspielung fängt den charakteristischen Klang einer Cavaillé-Coll-Orgel ein und gibt ihn unverzerrt wieder, ohne daß auf Brillanz oder spezielle Effekte nachgearbeitet wurde. Gerade der eingedunkelte, außerordentlich warme Klang, der sich in einer natürlichen Akustik entwickelt, ist dem Klangcharakter Duruflés angemessen. Nicht die messerscharfe, diskantlastige Tonlage, sondern das ausgewogene, in den Pedaltiefen wunderbar brodelnde Klangbild paßt hier besonders sowohl für die kleineren Stücke wie etwa die Fugue sur le thème du Carillon  op.12 oder die Méditation, aber auch für die großen Kathedralen füllenden Werke,  wie etwa Prélude,  Adagio et  Choral op.4. In dieser Aufnahme werden die hochvirtuosen Stücke in ihrer Faktur durch diese Akustik nicht beeinträchtigt. Vielmehr erfahren wir, wie beispielsweise bei der Toccata op.5 die Virtuosität organisch in die Klangvorstellungen der Epoche der französischen Kathedralmusik eingewoben ist. Sowohl die meditativen Werke, wie etwa das Prélude sur l'Introit de l'Èpiphanie op.13 oder die Hommage à Jean Gallon, präsentiert Henry Fairs ebenso authentisch wie etwa die großartige Suite op. 5.

Das Booklet enthält knappe Texte zum Komponisten und zu den einzelnen Werken.  Neben der Disposition der Orgel aus dem Jahre 1884-1885 ist ein Schwarz-Weiß-Photo mit einem Ausschnitt des Brustwerks zu sehen. Die Vita des Organisten ist allzu kurz ausgefallen.

Fazit: eine wunderschöne, emotional sehr ansprechende Einspielung des Gesamtwerks des großen Maurice Duruflé. 

                                                                         ***

(32) the spot recores - Susanna Yoko Henkel, Violine

- pure bach. Johann Sebastian  Bach. sonatas and partitas for violin solo. bwv 1001 - 1006. 

the spot records 28869-4, 2 CD set. Vertrieb: Codaex, VÖ 22.9.2006

- susanna yoko henkel  - Ravel

featuring monika leskovar (violoncello), milana chernyavska, piano

the spot records 28869-5. Vertrieb: Codaex, VÖ 22.09.2006

Ravel, Tzigane. Sonata for violin and piano. Piano trio. Sonata for violin and violoncello. 

Diese Einspielung der Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach fällt zunächst einmal deswegen auf, dass sie nicht mit einem Etikett, etwa ganz political correct,  "historisch orientierte Aufführungspraxis" oder ähnlich ideologiebefrachteten Formeln daherkommt. Die Geigerin Susanna Yoko Henkel, hat es nicht nötig, sich hinter einem mittlerweile inhaltsleeren Begriff zu verstecken, sondern tritt mit ihrer eigenen Interpretation auf, und die ist ganz Johann Sebastian Bach und seiner Musik verpflichtet. Die Geige dieser Aufnahme wurde im Jahre 1705 von Giovanni Battista Rogerius, Brescia, gebaut und wird ohne jede ideologische Verklemmung mit Vibrato und mutiger Tonfülle gespielt. Henkel präsentiert uns einen Bach der Gegenwart. Es ist immer noch nicht einzusehen, warum die Musik des Barock historisch aufgeführt werden soll. Bach und alle seine Vorgänger haben auch die damals "alte" Musik selbstverständlich in ihre Gegenwart geholt und entsprechend umgeformt. So hören wir also eine selbstsichere Geigerin, die mit rundem, klaren und ausdrucksstarken Ton die vorgegebenen Noten mit Leben erfüllt. Unter diesen Vorraussetzungen kann sich der Gehalt, dabei auch die Schönheit der Bachschen Werke entfalten. Jeder Satz der drei Partiten und Sonaten ist ein profunder Genuß. Man bewundert zugleich die manuelle technische Makellosigkeit, aber auch die räumliche Akustik, in der sich der symphonische Reichtum der Musik so vorteilhaft entfalten kann. 

Die grandiose Fülle und sebstbewußte Geste der Geigerin kommen auch den Ravel-Interpretationen zugute. Mit Milana Chernyavska am Klavier hat Henkel bei Tzigane und bei der Violinsonate eine großartige Partnerin, die nicht lediglich begleitet, sondern bei der Ausformung der Ravelschen Klangsprache ebenbürtig mithilft. Herrlich temperamentvoll steigern sich beide Künstlerinnen sowohl in diesen beiden Werken als auch mit der Cellistin Monika Leskova zu einer mustergültigen Wiedergabe des Klaviertrios. Die Sonate für Violine und Violoncello sowie die Berceuse bestätigen die überaus hervorragende, Standards der musikalischen Interpretation setzende Einspielung.

                                                                            ***

(30a) Wagner, Richard: "Das Rheingold".

Wotan – John Bröcheler.  Donner – Timothy DuFore. Froh - Andrew Brunsdon. Loge – Christopher Doig. Fricka – Elizabeth Campbell. Freia – Kate  Ladner. Erda – Liane  Keegan. Alberich – John Wegner. Mime – Richard Greager. Fasolt – Andrew Collis. Fafner – David  Hibbard. Woglinde -  Natalie Jones. Wellgunde – Donna-Maree  Dunlop. Flosshilde – Zan McKendree-Wright. Adelaide  Symphony Orchestra. Dirigent: Asher Fisch. MR  301089-90. ã 2006. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Nachdem schon die Einspielung der „Walküre“ aus dem Adelaide Festival Theatre der State Opera of South Australia einen so hinreißenden und nachhaltigen Eindruck hinterließ, kann die Interpretation des „Rheingolds“ ebenso glücklich machen. Das fängt mit der bewundernswert klaren sowie makellosen Aufnahmetechnik und Räumlichkeit der Einspielung an. Man sitzt wie im Publikum und kann das dreidimensionale Geschehen auf der Bühne und dem Orchester mühelos mitverfolgen, ohne dass einzelne Stimmen bevorzugt oder in den Hintergrund gedrängt werden. Aus dem, ein weiteres Mal, sehr edel gestalteten Booklet und einigen darin wiedergegebenen Photos kann man feststellen, dass in der State Opera of South Australia durchaus ein Bühnenbild aus unserer Gegenwart zu sehen ist. Also, ein großes Lob für die Aufnahmetechnik.

Dem Regisseur und dem Dirigenten ist es ein weiteres Mal gelungen, ohne Ideologie und Eifer eine völlig natürliche, außerordentlich schön klingende Darstellung der Partitur zu verwirklichen. Dies ergibt eine herrliche Lebendigkeit und Lebensnähe des Gesamtklangs, die bereits mit dem runden, sonoren Es in der Tiefe der Kontrabässe im Vorspiel der Oper beginnt. Die hohen Streicher im submarinen Lichtgeflimmer um das Rheingold suggerieren eine himmlische Helle. Auch hier wird nicht analytisch sezierend mit dem Herausstellen von Einzelstimmen musiziert, sondern synthetisch, wobei ein geschlossener, harmonischer Klangraum vom tiefsten Bass bis zu den höchsten Höhen vor unseren Ohren entsteht. Ohne Einbrüche in der Spannung und Konzentration hören wir dieses in Europa kaum noch zu hörende Klangbild bis zum erlösenden „Zur Burg führt die Brücke“ und dem von Wagner bewusst bombastisch gestalteten Finale.

Jede Rolle ist hervorragend besetzt. Bröchelers Wotan strahlt Majestät und Würde aus, die Göttinnen Fricka und Freia werden mit dramatischer Gestaltung als emotionale Wesen dargestellt. Die Urmutter Erda ist eine kraftvolle Mahnerin. Froh und Loge agieren als quicklebendige Naturwesen. Sowohl Alberich, erschütternd in der Fluch-Szene, und Mime glänzen durch stabile, deutlich artikulierende Stimmen wie die jugendlich-leichtfertigen, aber auch bedauernswerten Rheintöchter. Eine besondere Überraschung bieten Fasolt und Fafner für europäische Ohren. Oft sind diese Rollen bei uns mit finnischen Bassstimmen besetzt,  so dass sich ihr „schwarzes“ Timbre tief in Gedächtnis eingeprägt hat. Diese nun in australischer bzw. englischer Klangfarbe zu hören, ist, ohne im mindestens den finnischen Gesang zu bemäkeln, für das Gehör erfrischend. Asher Fisch erweist sich ein weiteres Mal als großartiger Dirigent, der die Musik natürlich und farbenreich zu grandioser Fülle führt.

 

Facit: This is again an outstanding recording of Wagner’s „Rheingold“. All singers are doing their work at its best. The orchestra marks the highest standard of technical performance and beauty of sound. What a wonderful musical experience!

 

(30b) Wagner, Richard: "Die Walküre". The State Opera of South Australia. Stuart Skelton (Siegmund), Deborah Riedel (Sieglinde), Richard Green (Hunding), John Bröcheler (Wotan),  Lisa Gasteen (Brünnhilde), Elizabeth Campbell (Fricka). Adelaide Symphony Orchestra, Asher Fisch. Presented by Dr Douglas D Mitchell. Melba Recordings. MR 301091-94. © 2006. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Was für eine großartige und wunderbare Aufnahme! Sie hat eine stattliche Anzahl an Vorzügen. Das beginnt bereits mit der auffallend klaren, unverzerrten Aufnahmetechnik,   die ein ganz natürliches, voluminöses Raumerlebenis ermöglicht. Das gibt dem Live-Mitschnitt einer „Walküren“-Inszenierung aus State Opera of South Australia eine authentische, lebensnahe Note.

Für europäische Ohren überrascht die Inszenierung des Musik in vielerlei Hinsicht. Es wird ohne jeden ideologischen Krampf musiziert und gesungen. Keine Passage der Partitur ist analytisch zergliedert oder didaktisch hochstilisiert nach Art: „Achtung, jetzt kommt ein Paukenschlag.“ Wagners Oper wird einfach um ihrer Schönheit und Dramatik willen aufgeführt. Dabei leisten das Orchester und die Sänger Hervorragendes. Das Orchester genügt höchsten Ansprüchen. Die andersartigen, ästhetisch vorzüglichen Klangfarben der Blechbläser und vor allem Holzbläser weckt die Neugier des Zuhörers. Das Blech trumpft imponierend auf, erzeugt aber nicht nur ein jeweils stärkeres Volumen, sondern sorgt auch für eine Bereicherung der Farbpalette. Alle Sänger sind wahrhafte Wagner-Stimmen, mit Kraft und Stabilität der Tongebung, großem Atem und darstellerischer Ausdruckskraft. Die „Wälse, Wälse!“-Rufe im ersten Akt werden von Siegmund nicht gepreßt und hochgestemmt, sondern mit bewundernswerter Strahlkraft ausgehalten, ohne daß er heimlich auf die Stoppuhr guckt, um zu sehen, wie lange er noch zum Weltrekord im Stentorsingen braucht. Verwirrend ist lediglich die zuweilen flackernde Stimmführung von John Bröcheler, der den Wotan ein wenig mit Amfortas verwechselt.

Der Dirigent Asher Fisch erlaubt sich einige Besonderheiten, die man jedoch ohne Mühe akzeptieren kann. Das Vorspiel zum ersten Akt ist ein wenig geruhsam geraten, sodaß der verfolgte Siegmund nicht außer Atem kommt, sondern ohne große Hetze an Hundings Herd gelangt. Nichts in der Interpretation des Dirigenten ist schwerfällig, aber dennoch gewichtig und geschmeidig. Statt rasender Winterstürme leuchtet schon längst mit glutvoller Wärme der Lenz. Das Finale der „Walküre“ rührt wohl jeden Zuhörer wegen seiner tragischen Dichte zutiefst an. Von einer geradezu federnden Eleganz gerät der Walkürenritt. Hier plumpsen die Walküren nicht in jedem Takt schwerfällig in den Sattel, sondern sausen raumgreifend voran.

Fazit: Die gesamte Aufführung erfüllt die Ideale der Schönheit und Natürlichkeit einer musikalischen Wiedergabe von Wagners „Walküre“. Aber auch das Booklet – mit Texten auf Deutsch, Englisch und Französisch – ist mit seinem Einband und kostbaren Druck und Einführungstexten ein außergewöhnliches Schmuckstück.

(30c) Richard Wagner, Siegfried.

Gary Rideout (Siegfried), Richard Greager (Mime), John Bröcheler (Wotan), John Wegner (Alberich), David Hibbard  (Fafner), Liane Keegan (Erda), Lisa Gasteen (Brünnhilde), Shu-Cheen Yu (Waldvogel). Adelaide Symphony Orchestra, Ahser Fish (Dirigent). Melba  MR 301095-98. 2006.

Innerhalb des australischen Zyklus des "Rings des Nibelungen"  von Richard Wagner ist dies zunächst eine der schwächeren Aufzeichnungen. zwar ist die Aufnahmetechnik wieder von frappanter Klarheit und plastischer Deutlichkeit. Es sind vielmehr die Gesangsstimmen, die nicht befriedigen können. Das gilt weniger für Richard Greager als Mime, der das europäische Timbre des klagenden und genervten Zwerges gut trifft oder für John Bröcherler, dessen berückend schöne Bariton-Stimme leider recht scharf und leicht brüchig hörbar wird. Gary Rideout als Siegfried zeigt hier jedoch gesangliche Schwächen, die der unglaublich ruinösen und kraftraubenden Rolle in der Schmiedszene nicht gerecht werden. Das vokale Klangbild ändert sich vollends ab dem 2. Aufzug. Die Begegnung zwischen Alberich und Wotan vor der Neidhöhle wird von Wegner und Bröcheler (Wanderer) höchst realistisch mit ihrem Gezänk dargestellt. Vor allem John Wegners Bass ist von beneidenswerter Präsenz, Kraft und Ausdrucksstärke. Gary Rideout ist offenbar ein eher lyrischer Tenor. Gerade in der Waldszene - im Dialog mit der süßen Sopranstimme von Shu-Cheen Yu als Waldvogel - hört man viel mehr Farbe, Klarheit und Offenheit heraus. Auch im dritten Aufzug meistert er seinen Part ausgezeichnet und läßt die gaumige, enge und angestrengte Stimme als Helden-Siegfried vergessen. Liane Keegan (Erda) und Lisa Gasteen (Brünnhilde) strahlen eine wahrhaft göttliche Stimmkraft und Selbstsicherheit aus. David Hibbard (Fafner) singt nicht nur furchteinflößend tief und riesenhaft, sondern überzeugt auch mit außerordentlich schöner Stimme im Dialog mit Siegfried, welche die anrührende und mitleidvolle Seite des einstigen Giganten zum Ausdruck bringt.

Es zeigt sich einmal mehr, welch großartiges Stimmpotential sich in dieser Aufnahme präsentiert, und zwar von einer Qualität, wie sie in Europa kaum mehr zu hören ist. Das Orchester breitet die gesamte Stimmenfülle in einem gänzlich unverzerrten, natürlichen, frischen und makellosen Panorama aus. Tempi, Dynamik und Ausdruckstiefe erfüllen höchste Ansprüche. Das ist zugleich ein Lob für den Dirigenten Asher Fisch, der meisterlich das realisiert, was Richard Wagner komponiert hat.

Fazit: Eine exzellente Einspielung des "Siegfried" mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Sänger und Orchester agieren vital und spielfreudig. Sie bringen die Vielfalt an Schönheit der Musik und der dramatischen Abläufe souverän auf die Bühne. Es ist bemerkenswert, dass hier nicht alles auf die Partie des Siegfried zugeschnitten ist, sondern dass es dramatische Figuren in dieser Oper gibt, die jede von ihnen dramaturgisch bedeutsam sind und hier  mit prallem Eigenleben erfüllt werden.

 

(30d) Richard Wagner, Götterdämmerung. Timothy Mussard (Siegfried), Lisa Gasteen (Brünnhilde), Duccio dal Monte (Hagen), Jonathan  Summers (Gunther), Joanna Cole (Gutrune), John Wegner (Alberich),  Elizabeth Campbell (Waltraute), Liane Keegan (Erste Norn), Gaye MacFarlane (Zweite Norn), Kate Ladner (Dritte Norn), Natalie Jones (Woglinde), Donna-Maree Dunlop (Wellgunde), Zan McKendree-Wright (Floßholde). The State Opera of South Australia Chorus, Adelaide Symphony Orchestra. Asher Fisch, Dirigent. Melba MR 301099-102. 2007.

Auch diese Einspielung, die den "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner abschließt, ist in der Interpretation an der State Opera of South Australia ist in vielfältiger Hinsicht ein singulärer Meilenstein. Das Klangbild ist ein weiteres Mal makellos klar und von natürlicher Räumlichkeit. Die Breite und Tiefe des Bühnenraums wird deutlich sinnlich erfahrbar. Wie immer die Regie dieses monumentale Werk gedeutet hat (die Photos im Booklet weisen auf eine modern-avangar- distische Aufführung hin), Wagners Musik bleibt, im Gegensatz zu manch anderer Inszenierung in Europa, von jeder Ideologie unangetastet. Das Orchester führt Asher Fisch souverän durch die komplexe und kraftraubende Partitur. Das großartige Sänger-Ensemble bietet ein Höchstmaß an authentischem Wagner-Gesang. Leider kommt auch hier der Siegfried von Timothy Mussard im ersten Aufzug nicht auf das Niveau seiner Kollegen, gewinnt aber im zweiten und dritten Akt den erfreulichen Anschluß. - Schon in der einleitenden Nornen-Szene schaffen die drei Sängerinnen eine dichte, bedrohliche und schicksalhafte Atmosphäre durch eine differenzierte Einfärbung ihrer Tongebung. Die stabilen, kraftvollen Stimmen bleiben auch in der Höhe beeindruckend voluminös. - Die große Stimme des Gunther erscheint im Gegensatz zum weichen Charakter, den er darstellen soll, recht metallisch, paßt jedoch gut zum Timbre seiner Darsteller- Kollegen. - Wirklich grandios und überwältigend singt Duccio dal Monte den Hagen. In jeder Stimmlage bleibt sein Gesang klangschön, offen und kraftvoll. Herrlich! - John Wegner als Alberich bleibt in der "Götterdämmerung" die zuverlässige Größe an Stimm- und Gestaltungskraft. - Die Waltrauten-Szene gehört durch den ausdrucksstarken Gesang von Lisa Gasteen und Elizabeth Campbell mit zu den am tiefsten anrührenden Szenen der Aufführung. Später gelangt Lisa Gasteen als Brünnhilde im Schlußgesang des dritten Akts ein weiteres Mal zu einer grandiosen, erschütternd tiefen Darstellung der Vollendung des "Rings". - Gutrune und die drei Rheintöchter ergänzen die hohe Qualität dieser Aufführung. Es gibt also noch Wagner-Stimmen, leider aber kaum noch an den meisten europäischen Opern-Häusern. Eine uneingeschränkte und enthusiastische Gratulation für diese Aufführung und den gesamten "Ring".

Summary.  - Richard Wagner died before 125 years. Arnold Schönberg died 1951 - 57 years until now. Who is the modern composer?  Wagner's "Ring" was performed 1876 for the first time. Since these 132 years the four operas are enacted again and again, discussed and beloved, redirected in the most controverse styles on all five continents,  freshly every year.

One of the worldwide most outstaking performances of the "Ring" was completed  in 2007 with The StateOpera of South  Australia, and we are happy that all four works are now available on CD by Melba Recordings. The recordings beat in all aspects nearly every recording in comparison to all available LPs and CDs. Modern is the directness and realistic appearance of the music.

Let me tell you why: The recording technique of the Sorround Sound on Super Audio is sheerly perfect. The music appears absolutely clear, three-dimensional and undistorted. The listener feels be seated close, but not too much, before a broad panaroma of the stage and the orchestra. Asher Fisch conducts vividly and absolutely narrow to the score. Tempi, colours and agogic procedures are brought together to a wonderful sound throughout from the first to the last bar. The stilistic unity of sound, singing, and playing is admirable. All singers let your heart beat, because of the beauty and expressiveness of their voices. Some temporarily limitations of the Siegfried-singers are compensated until the final acts of the opera. Wagner's music is never touched by an ideological influence.

The outside appearance of the booklet is charming and very tasteful. Introductory texts are presented in English, French and German, the libretto in English and German.

This Australian "Ring" is a deeply touching and an overwhelming pleasure!

                                                                      ***

(29 a) Lazar Berman Plays Liszt & Rachmaninov. CD 1 Sergej Rachmaninov, Six Moments Musicaux op. 16. Franz Liszt, Douze Études d'exécution transcendante 1 - 7, CD 2 Études 8 - 12. Sonetto del Petrarca no. 104. Rachmaninov, Prelude g minor op. 23/5. Liszt, Orage. Live Recording Milano, April 29, 1976. IDIS 6497/98, 2006. Distribution: Klassik Center Kassel. 

For a long time, since the final versions of the twelve Études d'exécution transcendante in 1851 by Franz Liszt, the performing and interpretation of these ultimate words of vituosity on the piano has been neglected by generations of piano artists. Great virtuosos like György Sziffra or Jorge Bolet didn't care about the background behind the necessary absolute perfect virtuosity. A lot of pianists even miss the technical abilities. Lazar Berman is the only one who draws the attention of the listener to the poetical idea behind every twelve pieces. 1. Prélude is the overture to a stage performance, the stage of life, the stage of Liszt's life, the life of a great artist. 2. Molto vivace is the introduction into the busy, colourfull, rich emotional life of the artist. This piece sets also the technical level of virtuosity behind which - by transition of all virtuosity - the poetic world begins. 3. Paysage means the serene, contemplation over a calm, beautiful landscape. It reminds us of the undisturbed and warm feelings which Liszt may have experienced on the top of Villa d'Este in Tivoli, looking into the blue sky and the wide land towards the far horizon. 4. Mazeppa is not only the furious horse ride with the hero behind and the later transfiguration of him to king. We hear also the wild temperament of the horse, the  suffering of Mazeppa and his terrible pains during this ride. His glorification is also the pride about his victory as king over his enemies. 5. Feux follets. This is the imagination of phantastic tales about unlimited thoughts and feelings, free from any logical restrictions. 6. Vision. It is not only a phantasy about the death of Napoleon. It is the description of an ecstatic idea which might appear to everybody, filled with emotion and exuberance. 7. Eroica. Similar to Mazeppa or Vision, Eroica means the description of a heroic feeling. 8. Wilde Jagd. We hear shouts of the hunters wandering about, the barking of the chasing dogs and the blaring horns during a wild persecution of the deer. But Liszt let us hear and feel also the pains of the deer,  wounded and sentenced to death by the weapons of the hunters. We are touched by the suffering of an animal. 9.Ricordanza. This is the description of the most intimate moments of love, not far from the embracing moments of Tristan and Isolde or the acme of the "Venusberg"-Musik by Richard Wagner. 10. Allegro agitato molto. While "Orage" is a veritable meteorological storm, this piece without a title is an  psychological rage. We are not far from the truth when we hear in this piece an  internal portrayal of Franz Liszt who might as often experienced highest love like in Ricordanza as the most bitter scenes with quarrels and love dispair. From  bar 78 on "tempestuoso", to bar  82 "crescendo molto", bar 100 "accentuato ed appassionato", bar 123 "crescendo assai" we hear in bar 126 the most painful and most deeply moving moment in the piano literature; Liszt names this passage "disperato". It has never been used by him anymore. More than once Liszt had to undergo such depressive  moods. 11. Harmonies du soir. We listen to the musical incarnation of peace, harmony and beauty. It is an undisturbed picture of a sunshed evening. 12. Chasse neige. Of course we hear a man in an enormous snow storm trudging through deep snow. It is the artist pathing his way against all adversary actions in his life, sweetness and bitterness of love, and the sarcasm of his critics and enemies. But finally he is too tired to live anymore. His last steps are lost in utmost loneliness. His footprints end in some soft minor accords.

The IDIS recording is the latest one of several recordings which Lazar Berman finished in 1976. The great advantage is the vivid atmosphere of the enthusiastic audience in Milano. Berman plays absolutely passionate, with embarrassing velocity and admiringly grandezza. He masters from moment to moment the sweet tenderness in "Paysage" and "Ricordanza", and in the next moment the ferocities in "Mazeppa" and the "disperato" full of dispair and hoplessness. No one plays the last bars  in "Chasse neige" about a vanishing soul softer and more resignedly. 

(29 b) Lazar Berman, Liszt. 12 Études d'Exécution transcendante. Hungarian Rhapsody Nr. 9 E flat major. "Pesther Carneval". Studio recordings 27.02., 25.03., 27.03., 08.04. 1959, 21.07.1961. Distribution: Zweitausendeins, Frankfurt. Melodia Russian Piano School Vol.  8, Nr. 74321 25180 2, 1995

This famous Melodia (R) recording is digitally remastered without any loss of a overwhelming piano performance. The interpretations are very close to each other. Here a little bit more symphonically and voluminous. The heroic passages in "Vision", "Eroica" or "Harmonies du soir" are powerful hymns to glory and brightness. 

(29 c) Lazar Berman, Franz Liszt. Selection of Études d'exécution transcendante, 3. Prelude, 4. Paysage, 5. Feux Follets, 6. Vision, 7. Appassionata f minor, 8. Harmonies du soir, 9. Chasse neige.  18.11.1959  (6), 3.3.1952 (10),  22.10.1953 (8, 9), 26.4.1956 (3, 4, 5, 7). Distribution: QuintEssence. Brillant Classic 93006, 2006

CD Nr.1out of seven CDs contains the dramatic "Dante-Sonata" and seven études of the transcendental cycle. The early performances of the selected études reveal an absolute spontaneity and high concentration. There is no greater advantage or disadvantage in comparison to the previous interpretations. A great plus is the six remaining CDs in this cassette. They offer a broad view of Berman's singular piano playing. For example the b minor Sonata by Liszt, Prokofiev's Sonata Nr. 8 or Schubert's b flat major sonata D960 and a lot more.

Fazit: All three interpretation of the great pianist Lazar Berman are highly recommendable. For which brand you decide, you are right. It is not the worst decision to acquire them all. 

                                                                            ***

(28) - Nicolas de Grigny - Johann Sebastian Bach. Fantasie g-Moll BWV 562. An Wasserflüssen Babylon BWV 653. Fuge G-Dur BWV 577. Pièce d'orgue BWV 772. - Nicolas de Grigny, Hymnen. Veni creator spiritus. Pange lingua. Verbum supernum. Ave maris stella. A solis hortus.  Terje Winge, Orgel. Kaliff&Löthmann Orgel, Ål, Norwegen. Simax Classics PSC 1242. © 2006. Organum Norvegica Vol. 1. Vertrieb: Klassik Center Kassel.

Schon beim Anhören des ersten Taktes, spätestens nach dem zweiten Stück - der Fugue à 5 aus dem Hymnus Veni  crator von Nicolas de Grigny - reibt man sich die Ohren (und wohl auch die Augen): das soll eine norddeutsche Orgel sein, hochoben in Norwegen? Ja, aber es ist eine französisch intonierte Orgel, aus der im schwedischen Ålem ansässigen Werk- statt der Firma Kaliff & Löthmann AB. Sie wurde im Jahre 1996 ganz gezielt  dem Klangmuster einer französischen Barockorgel gemäß gebaut, also mensuriert, intoniert und mit französischen Namen auf den Registerzügen. Die 32 Register verteilen sich auf drei Manuale und Pedal. Zwar mischen sich die Stimmen im Plenum zu einem dichteren Klangbild, die Solo-Stimmen heben sich jedoch fein ab, ohne sich von den Begleitstimmen zu trennen. Das wird schon im Hymnus Veni creator deutlich, in dem Cromorne und Cornet sich in ihrem individuellen Charakter melden, sich jedoch im Verband des Grands Jeux im herrlich fülligen, authentischen Gesamtklang ganz ausgewogen einfügen. Winge artikuliert und setzt die Appoggiaturen zwar anders als der große André Isoir in seiner immer noch maßgeblichen Einspielung des Gesamtwerks von de Grigny, dennoch kann man seine Verzierungslösungen problemlos akzeptieren. 

Die Werke von Johann Sebastian Bach sind interpretatorisch gleichfalls sehr gut gelungen. Ob nun die (Saltarello)-Fuge G-Dur BWV 577 vom Leipziger Meister selbst stammt oder als unecht anzusehen ist - egal, Winge spielt sie mit einer herrlich swingenden Delikatesse. Überhaupt lebt er in vielen Dreier-Takt-Stücken sein Faible für eine tänzerische Ausführung mit Geschmack und großer technischer Könnerschaft aus. Die Pièce d'orgue BWV 722 verführt mit ihren glitzernden Oberstimmen und dem kraftvollen, in allen Stimmen harmonisch ausgewogenen, das Baßfundament nicht verleugnenden Mittelteil zu dem Wunsch, sie in einer Endlosschleife permanent zu genießen. 

Der Point d'orgue sur les Grands Jeux, das ausleitende Stück des Hymnus A solis hortus von de Grigny, ist ein ähnlich eindringliches, kompaktes Stimmenfest wie das Grave der Pièce d'orgue.. Ein würdiger Ausklang aus einer bestens zu empfehlenden CD. 

Das Booklet, in englischer und norwegischer Sprache, ist mit Informationen und dem farbigen Cover-Photo mustergültig.  

                                                                                 ***

Simax                                                                     

(29) - Johann Sebastian Bach. Die  Kunst der Fuge. BWV 1080. Terje Winge, Orgel. Gloger Orgel, Kongsberg, Norwegen.  PSC 1243. © 2006. Organum Norvegica, Vol. 2. Vertrieb Klassik Center Kassel. 

Hier wird Bachs Kunst der Fuge nicht im sakralen Raum angesiedelt, sondern sehr detailgepflegt als kunstvolles, weltliches Werk dargestellt. Daß die Interpretation dadurch nicht oberflächlich wird, liegt an der lebendigen und originellen Spielweise sowie Registrierkunst des norwegischen Organisten Terje Winge. Er läßt das 1765 von dem deutschen Orgelbauer Gottfried Heinrich Gloger (1710-1779) für die Kirche in Kongsberg (Norwegen) gebaute Instrument, in aller Kraft und Schönheit hörbar werden. Jürgen Ahrend hat die Orgel mit 42 Registern, drei Manualen und Pedal (jedoch ohne Rückpositiv)  im Jahre 2000 restauriert und konnte noch etwa ein Drittel des alten Bestandes verwenden. Ein bestechend scharfes Farbphoto auf dem Cover des Booklets gibt den wunderschönen Frontschmuck der Orgel wieder. 

Die Registrierungen in den einzelnen Contrapuncten deckt eine große Spannweite der Klangmöglichkeiten ab. Die Exposition des Hauptthemas ist in einem schlichten Prinzipalklang gehalten. Die Nr. 2 strahlt mit ihrem beschwingten Rhythmus und den glänzenden Mixturen eine mitreißende Freude aus. Perlend leicht zieht Nr. 9 vorüber. Die Registrierungen kann man im Begleitbüchlein ebenso nachlesen wie die Disposition der Orgel. Die darauffolgende Nr. 10 begeistert mit dem hinreißenden Zusammenklang von Gemshorn, Spitzflöte und Vox humana. Das tänzerische Element stellt Winge besonders, aber nicht aufdringlich, in den Nrr. 14 und 15 heraus. Archaisch und kompakt ist die Nr. 12, gewichtig und mit sonorem Baßfundament die als Fragment überlieferte Fuge "a 3 soggetti". Nach dem Zitat von B-A-C-H und dem Abriß der Fuge ist die vorbildliche Einspielung zuende. Kein Versuch einer Ergänzung, kein versöhnender Choral zur einer gutgemeinten Abrundung. Auf alle Fälle ein hervorragender Einstieg in die Serie "Organum norvegica."

Fazit:  Eine sehr empfehlenswerte, natürliche, farbige und spielerisch perfekte Einspielung. 

                                                                             ***

(27) - Concerto CD 2024 

Mozart - Opere per Organo. Orgelwerke. Ouvertüre und Fuge C-Dur KV 399. Fuge g-Moll KV 401. Fuge Es-Dur KV 153. Leipziger Gigue KV 574.  Ave verum (trans. Franz Liszt). Fuge (Kyrie) (trans. Musio Clementi) aus dem Requiem KV 626. Fantasie f-Moll KV 594. Andante F-Dur KV616. Fantasie f-Moll 608.  Alessio Corti, Orgel.

 © 2006 Vertrieb Klassik Center Kassel 

Unter den zahlreichen Einspielungen der Werke Wolfgang Amadeus Mozarts, auch diejenigen, die bereits vor seinem 250. Geburtstag erschienen sind, hebt sich diese Einspielung stilistisch und interpretatorisch vorteilhaft ab. Die kleine Leipziger Gigue oder die Transkription der Kyrie-Fuge aus dem Requiem von Muzio Clementi sind selten aufgenommene Raritäten. Dies liegt zum einen an der klaren und frischen Klangbild der 1969 gebauten Tamburini-Orgel (31 III/P), das sich in der Protestantischen Kirche Mailand verzerrungsfrei und voluminiös entfalten kann. Andererseits ist Alessio Corti, Nachfolger von Lionel Rogg am Konservatorium in Genf, ein technisch meisterhafter und musikalisch phantasievoller Organist. Die kleine Leipziger Gigue trägt er mit glänzenden Mixturfarben vor und gibt der Ouvertüre KV 399 kräftige Zungenstärke. Das Kyrie KV 626 und die Fantasie f-Moll KV 608 beeindrucken durch ihre Ernsthaftigkeit und Strahlkraft. Das Booklet in italienischer, englischer, deutscher und französischer Sprache gibt über das Instrument und die Biographie Cortis genügend Auskunft. 

Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Einspielung, selbst wenn man schon einige andere Interpretationen im CD-Regal hat.

                                                                               *** 

(26) - cantus - Dictionary of Medieval & Renaissance Instruments. 

C9705/6. © 2002 Vertrieb Klassik Center Kassel

Diese Kassette mit 2 CDs ist in jeder Hinsicht gelungen. Alle Tracks sind sehr sorgfältig ausgesucht und von einer hervorragenden Tonqualität. Das Booklet ist perfekt ausgestattet, was angesichts der komplexen Materie bewundernswert ist. Sowohl der ausführliche Begleittext als auch die Kommentare zu jedem einzelnen Track ist auf bestem wissenschaftlichen Niveau in englischer Sprache geschrieben. Zahlreiche kleine Abbildungen veranschaulichen die Musiker und Instrumente. Sogar die Texte bei Gesangskompositionen sind abgedruckt. Auf der ersten CD werden Streichinstrumente, angefangen von Violinen des 13. Jahrhunderts über Harfen, Lauten und Blockflöten auch Musikensembles des 17. Jahrhunderts aus England und mitteleuropäischen Ländern vorgestellt. Auf der zweiten CD mit 32 Tracks sind Orgeln, Cembali, Blechblasinstrumente, Cornette oder Fagotte aus verschiedenen europäischen Regionen zu hören. 

Woran man sich bei dieser Musik begeistern kann, ist die herzerfrischende, lebendige und natürliche Ausführung durch hervorragende Sänger und Instrumentalisten. Fern aller akademischen Trockenheit oder didaktischen Zeigefingern möchten die Künstler aus Italien, Spanien, England oder den Niederlanden vorführen, wie mitreißend und schön diese Musik uns ansprechen und begeistern kann, und seien die Werke schon vor siebenhundert Jahren geschrieben. Dieser fröhliche Lehrgang der Instrumentenkunde durch die Jahrhunderte und Musiknationen ist für Experten wie auch für Musikliebhaber bestens geeignet und hat die höchste Wertschätzung verdient.  

 

(27) - Johann Sebastian Bach. The Works for Organ. Kevin Bowyer, Orgel. Marcussen-Orgel der Sct. Hans Kirke, Odense, Dänemark. Nimbus. Vertrieb: Naxos Deutschland.  

Seit 1998 entsteht bei dem Label Nimbus Records Ltd. (www.nimbusrecords.com) eine Gesamteinspielung der Orgel-Werke von Johann Sebastian Bach, das nicht spektakulär auf sich aufmerksam macht, dafür aber wegen ihrer in mehrfacher Hinsicht hohen Qualitäten schon jetzt große Wertschätzung verdient. Auf den CDs der Nummern NI 5561/2 (Vol. 9), 5647/8 (Vol. 12), 5669/70 (Vol. 13), 5689/90 (Vol. 14), 5700/1 (Vol. 15), 5734/5 (Vol. 16) und 5738/40 (Vol.17) sind jeweils mindestens ein Großwerk, aber auch choralgebundene sowie kleinere Werke von Bach eingespielt worden. 

Vol. 9 Clavier-Übung III, Passacaglia BWV 582 etc.

Vol. 12 Pièce d'orgue BWV 572. 2 Trio-Sonaten 3 und 4. P + F BWV 545 und 550. Toccata BWV 910.

Vol. 13 Partita "O Gott, du frommer Gott" BWV 767, Toccaten BWV 912, 913. P+F 551, 894.

Vol. 14 Rudorff-Choräle BWV 549. Konzerte BWV 595, 985. Partita BVWV 766

Vol. 15 Rinck-Choräle. Sonata in D BWV 963, Suite in F BWV 820, Partita BWV 770

Vol. 16 Concerto D-Dur BWV 972, kleinere P+F, 18 Stücke für eine Spieluhr BWV Anh 133-150, zugeschriebene Werke

Vol. 17 Ricercare BWV 1079, Die Kunst der Fuge BWV 1080, Capriccio BWV 992 etc.

Die Doppel-CD NI 7077/8 ist eine Zusammenstellung aus bisher erschienenen Toccaten und Fantasien. 

Höchstes Lob verdient zunächst die Marcussen-Orgel, die es an markantem Register- reichtum und Schönheit des Tons mit jedem Instrument anderer Orgelbau-Werkstätten aufnehmen kann. Die wunderbare Reinheit und Stabilität jedes Pfeifentons ist überragend und ergibt insgesamt einen leuchtenden, überaus farbenreichen Gesamtklang. Dazu kommt eine selten so geglückte Eigencharakteristik eines jeden Registers, so dass, vor allem in den Choralvorspielen oder der Clavierübung III, beim  Zuhörer niemals ein Gewöhnungs- oder gar Ermüdungseffekt auftritt. 

Kevin Bowyer widmet sich jedem einzelnen Werk mit Akribie, gibt ihm ein spezifisches Klangbild und realisiert dies mit technisch stupender Meisterschaft, außerordentlich lebendig und profunder Gedankentiefe. Unter der Vielzahl der Bach-Gesamteinspie- lungen steht diese momentan an oberster Stelle. Das ist bei der hervorragenden Konkurrenz besonders anerkennenswert.  

 

(28) Naxos 

Alexandre Guilmant,  Organ Music, Robert Delcamp (Orgel)

1. Grand Chorus g-Moll op. 84  2. Caprice B-Dur op. 20,3 3. Allegretto h-Moll op.19,1 4. op.89, Lamentation d-Moll op.  45,1 5. Offertoire "O filii" op. 49,2 6. Sonate Nr. 7 F-Dur op.89, Satz Nr. 4 Lento assai (Rêve) 7. Marsch über ein Thema von Händel op15,2 8. Scherzo Symphonique C-Dur op. 55,2 9. Noël languedocien, Communion Nr. 2 f-Moll op.  60 10. Sonate Nr. 1 d-Moll op. 42, 3. Satz Finale, Allegro  assai. Casavant Organ of All Saints' Chapel, University of the South, Sewanee, Tennessee, USA 

Naxos 8.557614. © 2006

Dies ist eine durch und durch sympathische Einspielung. Sie ist frei von jedem Manie- rismus, sondern läßt in ganz natürlicher Ausführung die eingängige Orgelmusik im romantischen Stil hören. Einen bedeutsamen Beitrag liefert dazu die Casavant-Orgel (VII,2P, 80, Harfe, mehrere Glockenspiele. 1961/2004), die mit weicher Fülle für die unspektakuläre Klangwelt sehr gut geeignet ist. Das beginnt mit dem zungengewürz- ten, dichten Grand Chorus, über die leichtgewichtig scheinende, kompositorisch jedoch meisterhaft ausgearbeitete Caprice bis zur düsteren Lamentation, die später zahlrei- chen französischen Komponisten zum Vorbild dienen wird. Jedes der weiteren Stücke artikuliert Delcamp konzentriert und schlackenlos atmend. Auch das Finale der Symphonie Nr. 1 wird nicht, wie so oft, kaltschnäuzig heruntergejagt, sondern, mit zahlreichen Klangfarben der großartigen Orgel ausgestattet, temperamentvoll und inspiriert gespielt. 

Die Aufnahmetechnik, Akustik und Räumlichkeit der Aufnahme ist vorbildlich gelungen.

Fazit: Dem Orgelkenner und jedem  Musikfreund bedingungslos zu empfehlen.

(1) - Dorian - The Romantic Mass. Choral Works by Rheinberger an Brahms. Joseph Rheinberger, Cantus Missae op. 109. Omnes de Saba. Drei geistliche Gesänge op. 69, Ave Maria op. 172. Johannes Brahms, Missa Canonica. Three Motets op. 110. Laß dich nur nichts nich dauren mit Trauren op. 30.

Saint Clement's Choir, Philadelphia. Peter Richard Conte, Director.

Dorian DIS-80137

My first review of classical music is dedicated to one of the most wonderful and perfect recordings with sacred music of the romantic era. The compostions of Rheinberger (1839-1901) are set in a puristic a cappella style, following the ideas of the Cecilianism. The mixed voices of the 15 singers including four sopranos, one alto, two counter- tenors, four tenors, and four basses, meet with their excellent, clear and professional voices the chastity and purity of the cecilian timbre.

The technical part of the recording is of utmost qualitiy. The acoustics sound natural and fresh. The booklet contains all wordings in Latin, German and English. A short essay introduces into the essentials of every composition. Rheinberger's Cantus are the absolute highlite of this outstanding collection of choir music.

Conclusion: Finest singing of pure romantic music

                                                                          ***

(2) - Magic! Peter Richard Conte at The Wannamaker Grand Court Organ, Lord & Taylor, Philadelphia, USA

Mussorgsky/Conte, Night on the Bare Mountain. Wagner/Conte, Wotan's Farwell and Magic Fire Music from "The Valkyries". Dukas/Conte, Sorcerer's Apprentice. Nicolai/Conte, Overture to The Merry Wives of Windsor. Elgar/Conte, Cockaigne Overture "In London Town" op. 40. Elgar/Harris, Nimrod from "Enigma" Variations op. 86. Dorian xCD-90308

Another first class edition from Dorian. The legen- dary Wanamaker Organ, Philadelphia is celebrated with a harmonically balanced program. The symphonic style of every work is executed by Peter Richard Conte on the giant instrument technically perfect and in a superior style. Conte's contributions in the booklet about the instrument and the compositions are exhaustive. The dispositions of the several organs are complete in all details. Like all recordings of Dorian the acoustic parameters are perfect and without any flaw. Conte's interpretions are filled with an astounding energy and superb sense for the symphonic dimensions and colors.

Conclusion: Magnificant Grand Organ Music

                                                           ** *

(3) - La Nef, Perceval, la quête du Graal (The Quest for the Grail) Volume 1. Ensemble La Nef, Daniel Taylor, Countertenor (Perceval).

In the Lost Forest. At Arthur's Castle. With Blancheflor at Belrepeire Castle. The Battle of Belrepeire. Dorian DOR-90271

 Absolutely not one of these anemic performaces. But absolutely a most refreshing, nice and beautiful interpretation of old verses from oulde times and concerned with the tragic hero of Percival and his quest for the Grail. The excellent booklet contains all wordings of the verses of Parcifal in English and French. Some members act as singers and instru- mentalist. All members are competent musicians, experts on their instrument and in the style of mediaval singing and playing.

The studio technique is perfect, clair and lucid.

Diese Aufnahme von Versen aus dem Parsifal-Kreis ist eine außerordentlich gelungene Einspielung. Die Studiotechnik ist perfekt, klar und natürlich. Das Ensemble La Nef hat sich den französischen Namen eines Kirchenschiffs gegeben und unterstreicht damit die enge Vertrautheit mit gotischer Kunstfer- tigkeit. Die zehn Musiker sind Experten in technischer Hinsicht - manche sind als Sänger und Instrumentalisten zu hören - verstehen die Interpretation der uns noch ungewohnten aber nicht als akademisch-dünnblütige Veranstaltung, sondern als großen Spaß an der Wiedererweckung einer großen Epoche.

Result: In every respect to be recommended

Fazit: In jeder Hinsicht empfehlenswert

                                                                             ***

(4) DORIAN - The Classic Ocarina, The Chuckerbutty Ocarina Quartet, Michael Copley, Director.

23 Tracks with compositions of Beethoven, Sor, Offenbach, Sullivan, Verdi, Schubert, Satie, Wagner, Brewer and traditional folk songs from Italy, China, Rumania and Japan. Arrangement for four ocarinas and string instruments, Accordion, Guitar, Harmonium and Piano. Arranged by Michael Copley, Michael S. Murray and Maurice Hodges. DOR 93260. © 2003

The four members of the Chuckerbutty Ocarina Quartett - Michael Copley, Giles Lewin, Peter Martin and Evelyn Nallen - and their compagnons with other instruments are excellent musicians with an intimate feeling for the very different styles from the early 19th century until our times. The finale of Beethoven's symphony Nr. 1 starts, after some faint introducing bars, with a firework of masterly performed tone garlands. The staccatos are not breathless but voluminous and singing.

The classical Italian tarantella reveals the uncomparable advantage of the nearly immaterial sound of the ocarina. Lovely and charming the arrangement and whispering sound of the outstanding instruments. How mysterious the deep voice of a ocarina and harmonium. A technical and respiratoiry masterpiece the variations of the Carnival of Venice. The Rumanian Traditionals "Mindra mea e Ardeleana" or the romantic "Trece Lelea Pe Colnic" are realy touching. Schubert's is actually swimming in a bubbling water. After Wagner's Prelude to Act 3 of "Lohengrin" we hear Brewer's "The Lark's Festival" - a zoo of a bird's singing verses.

Conclusion: Exceptional masterpieces of ocarina playing! With a lot of sparkling splashes of humour.

Facit: Liebenswert, spaßig und ein Geschenk, das jeder Musikfreund genießen wird.

(5) DORIAN - Les Violons du Roy. Celebration

Bernard Labadie. With La Chapelle de Québec. Dorothea Röschmann. Karina Gauvin. Russell Braun. Dorian DOR-90024 ©2003

Händel, Concerto grosso D Major op.6/5. J.C.F. Bach, Sinfonia D Minor. J.S. Bach, Art of The Fuge Contrapunctus 1 and 9, XIII, rectus, inversus. Händel, Apollo e Dafne and Sillete Venti. Bach, Secular Cantata "Schweiget stille, plaudert nicht" BWV 211 (Coffee Cantata), "Mer hahn en neue Oberkeet" BWV 212 (Peasant Cantata) "Unser trefflicher lieber Kammerherr". A. Vivaldi, Concerto ripieno C minor RV 120. Vivaldi, Concerto for 2 violins and Cello D minor. J.S. Bach, The Goldberg Variations, Aria, Variations 14, 18, 26. Mozart, Requiem, Confutatis, Lacrimosa, Amen.

20 years of spontaneity, vividness and stylistic competence. Those are the characteristic marks of the 15 Violons du Roy and their spiritus rector Bernard Labadie. This CD comprises a selection of some recordings which has been published by DORIAN within this period. Only the starter with Handel's Concerto in D Major is an unreleased recording. Each recording has been praised in the international press, the Mozart won rewards.

They have not grown old and are still a contribution  to the actual discussions about the art of interpretation.

Conclusion: Buy, listen and enjoy!

                                                                            *** 

(6) DORIAN  - Romanza España. Spanish Masterworks for Brass.

Burning River Brass.

Georges Bizet, Suite from "Carmen". Pablo de Sarasate, Romanza Andaluza. Gerónimo Giménez, Intermezzo from "El baile de Luis Alonso". Giménez, Intermezzo from "La boda de Luis Alonso". Manuel de Falla, Suite from "The Three-Corndered Hat". Enrique Granados, Andaluza (Danza Española). Ruperto Chapí, Prelude from "La Revoltosa". Anthony DiLorenzo, La lámina de España. DOR-90316 ©2003

This CD and this music tells from the past, when heros won and admires melted away at their glory. When you listen to these recordings of Spanish brass music you feel set back to the arenas in Sevilla or Las Ventas in Madrid, where a brass band introduces the aficionados into the atmosphere of the unique bull fight, and walk them out the theatre after the victory of the torero.

The performance of the Burning River Brass ist excellent and stimulating. The precision of their technique does not kill the vivid play. This music and CD is not only for genuine Spaniards but for every friend of the special idiom of Spanish classical music.

Facit: To be recommended warmly, if not fervently!

                                                                         ***

(7) Vivaldi Reflections. - Antonio Vivaldi, The Four Seasons op. 8 No. 1-4. Gustav Nottebohm, Variations on a theme by J.S. Bach d minor op. 17

EMI 7243 5 57244 2 7

(8) - Camille Caint-Saëns, "La carnaval des animaux". Introduction et Rondo capriccioso op. 28. Variationen über ein Thema von Beethoven op. 35

pan classics 510 106

Feran und Ferzan Önder (Klavier) und das Zürcher Kammerorchester, Leitung: Howard Griffiths

(9) - Ferhan & Ferzan Önder - duo pianists

Maurice Ravel, La Valse. Ma mère l'oye. Claude Debussy, En blanc et noir. Darius Milhaud, Scaramouche.

PAN WS-9301

Jede CD, jedes Konzert der Schwestern Önder ist ein Hochgenuß. Ich habe niemals ein Klavier-Duo von einer derart hochen Qualität gehört. Sie sind technisch absolut unanfechtbar. Was die beiden türkischen Musikerinnen aber besonders auszeich- net, ist der ungemein schöne und singende Anschlag. Solch ein schönes Klangbild wird heute leider kaum noch gepflegt. Die "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi sprühen vor Temperament. Die höchstdifferenzierte Gestaltung des Klangbildes verdient höchstes Lob. Das gilt auch für die Nottebohm-Variationen. Der "Karneval für Tiere" ist zwar sehr bekannt im Konzertleben - wann hätte man aber eine derart von Esprit und Meisterschaft geprägte Ausführung gehört!

 Ravels "Ma mère" ist eine gänzlich originelle Interpretation. Beispielsweise haben das langsame Tempo und die sanften Töne ihren Sinn: schließlich handelt es sich um eine Pavane für eine "Im Wald schlafende Schöne." Die Prägnanz spanischer Musik wird in "Lindaraja" authentisch wiedergegeben.

Was für ein wirbelnder, hinreißender Spaß ist es, wenn man die drei Sätze des "Scaramouche" hört!

Fazit: Die Schwestern Önder schlagen alle Spitzeneinspielungen um Längen

Result: The four performances are a Must!

                                    *

Hier werden einige sehr schöne und bedeutende Einspielungen der Firma Naxos besprochen, sowohl Orchestermusik als auch Orgelmusik, die fachmännisch unter der Aufsicht von Wolfgang Rübsam, Professor für Orgel in Saarbrücken und Chicago, steht.

                                  *

(10) Sibelius, Jean. En Saga op. 9. Lemminskäinen's Return, op. 22/4. The Bard op. 64. Festivo, Scènes historiques, op. 25/3. Finlandia op. 26. Symphony Nr. 4 a-Moll op. 63. Live-Aufnahmen aus den Jahren 1935 bis 1938.

London Philharmonic Orchestra, Sir Thomas Beacham

Naxos 8.110867

Es stimmt einfach nicht, daß früher - in den Zwanziger oder Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts langsamer, pathetischer und behäbiger dirigiert wurde. Wilhelm Furtwängler läßt nachgewiesenermaßen ebenso rasch spielen wie beispielsweise Arturo Toscanini, und so ungemein frisch, lebendig und originell wie Sir Thomas Beacham interpretiert keiner der Pultstars heute mehr Sibelius.

Diese CD ist eines der herrlichsten Beispiele für das bewundernswerte Musikantentum von Beacham. Niemand vermag heute mehr so rasant und bezwingend "Lämminskäinens Heimkehr" auszuführen. Doch auch der melancholische "Barde" ist ein weiteres Beispiel für die künstlerische Vielfalt des großen Dirigenten. Die düstere, geheimnisvolle Stimmung eines Sängers, der von mythischen Zeiten erzählt, beeindruckt tief. Die Freundschaft mit Jean Sibelius wurde nicht zuletzt deswegen so unverbrüchlich, weil Beacham sich in die Klangwelt des Finnen so gut hineinversetzen konnte. Die vierte Symphonie ist ein klangmächtiges Zeugnis dieser Seelenverwandschaft.

Fazit: Großartige Musik in mustergültiger Wiedergabe.

                                                                        ***

(11) In the Hands of the master VLADIMIR HOROWITZ - The Definitive Recordings. 3 CDs

Werke von Chopin, Scriabin, Schumann, Rachmaninow, Listz, Beethoven, Wagnerz/Liszt, Horowitz, Clementi.

Sony Classical Legacy, S3K 93039

                                                                       ***

Nr. 9 

Horowitz - Live and Unedited. The Historic 1965 Carnegie Hall Return Concert. 2 CDs und 1 DVD.

Werke von Bach/Busoni, Schumann, Scriabin, Moszkowski, Bonus DVD: "Outtakes" aus dem Film "Vladimir Horowitz: The Last Romantic"

Sony Classical Legacy, S2K 93023

Noch immer setzt Vladimir Horowitz für das klassische Klavierspiel höchste Maßstäbe. Da ist natürlich die überragende Technik und die fulminante Kraftentwicklung, die ihm heute keiner nachmachen kann. Vor allem - und das wird auf diesen beiden CD-Alben wieder deutlich - ist er immer noch das große Vorbild für einen charakteristischen, leuchtenden Anschlag und die tiefgründige Ausdeutung der von ihm vorgetragenen Werke. Sony verdanken wir mit diesen technisch eindrucksvoll natürlichen Aufnahmen einen wesentlichen Beitrag zum Gesamtbild des Jahrhundertphänomens Horowitz. Greifen wir aus der großzügigen Fülle an Werken die auf der Hands of the Master-CD einige beispielhafte Interpretationen heraus. Da ist immer wieder zu bewundern, wie liebevoll sich Horowitz der Sonaten von Scarlatti annimmt, hier der Sonaten E-Dur K 531 und G-Dur K 455. Sie erscheinen wie eine Frühauflage der Lieder ohne Worte - schön und sanglich. Von vollkommener Schönheit und Innigkeit ist das bekannte Impromptu in Ges-Dur op. 90/3 von Franz Schubert.

"Isoldes Liebestod" von Wagner/Liszt vollzieht einen ergreifenden Übergang vom Todesschmerz zur Erlösung vom Liebesleiden. Hohen Repertoirewert bestitzt die Sonate B-Dur op. 25/3 von Muzio Clementi, eine künstlerische Sympathieerklärung für einen verachteten Komponisten.

Auf den Carnegie-CDs sollte man sich unbedingt Bach/Busonis Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564 - hier vor allem das zutiefst anrührende Adagio - und die wahrhaft gefühlvolle, romantische C-Dur Fantasie op. 17 von Robert Schumann anhören. Eine Ballade im Kleinformat, aber großem emotionalem Gehalt ist die Etüde cis-Moll op.2/1 von Alexander Scriabin. Als Bonus-Track dem Zuhörer die "Kinderszenen" von Robert Schumann zu schenken,  ist einen besonderen Dank wert. Auf der DVD sehen wir Horowitz als den genialen Pianisten mit den so menschlichen und offenherzigen Kommentaren zu seiner Arbeit und musikalische Gestaltung.

Ob man nun schon Einspielungen von Horowitz teilweise oder vollständig besitzt, diese beiden Alben gehören ganz sicher in jede CD-Sammlung.

                                                                         ***

(13) Gramola - qWIENtett

Wolfgang Lindenthal (Flöte), Thomas Machtinger (Oboe), Alexander Neubauer (Klarinette), Reinhard Zmölnig (Horn) und Benedikt Dinkhauser (Fagott) spielen

 Maurice Ravel, Le Tombeau de Couperin (Fassung für Bläserquintett von Mason Jones). Jaques Ibert, Trois Pièces brèves. Wolfgang Amadeus Mozart, Fantasie f-Moll KV 594 "Ein Stück für ein Orgelwerk in eine Uhr" (Fassung von Wolfgang Sebastian Meyer). Samuel Barber, Summer Music op. 31. Carl Nielsen, Quintett für Bläser A-Dur op. 43 FS 100

Gramola 98759 www.gramola.at

Ganz schön kess, wie die fünf Bläser des qWIENtetts auftreten. Schon der Eigenname des Ensembles verrät Sinn für Skurriles, zudem eine originelle Denkweise. Die CD und das Booklet haben keinen Titel, sondern führen nur den Komponisten und ihre Werke auf. Nach klugen Kommentaren auf Deutsch, Englisch und Französisch lassen sich die fünf Herren auf mehreren Schwarz-Weiß-Fotos sehen und schließen das Booklet mit einer kleinen Vita eines jeden Ausführenden in drei Sprachen und [sic!] mit ihrem Namen in internationaler Lautschrift.

Das alles zeigt, daß hier sehr lebendige Musiker am Werk sind, die beispielsweise in den Drei Stücken von Jacques Ibert - besonders im Allegro-Satz - stilsicheren Spielwitz zeigen. An den vier Sätzen des "Grabmals für Couperin" von Maurice Ravel, mit dem diese CD beginnt, besticht nicht nur die technische Perfektion der Bläser, welcher die großen Intervallsprünge mit Leichtigkeit bewältigen, sondern eine imponierende Wärme und harmonische Farbigkeit ihres Timbres.

Dieser Wohllaut durchzieht erfreulicherweise alle Interpretationen und macht schon deswegen das Anhören zu einem Vergnügen. Aber es kommt noch ein wesentlicher Aspekt ihres Spiels hinzu, der vor allem der f-Moll-Fantasie zugute kommt. Es ist die ernste, tiefsinnige Gedankenwelt Mozarts, die sich hier außerordentlich beeindruckend öffnet. Ein ganz großer Glücksfall ist die Wiedergabe des Bläserquintetts von Carl Nielsen, der zwar nicht unterschätzt, aber immer noch viel zu wenig aufgeführt wird. Das Werk gibt jedem Musiker Raum für eine technisch anspruchsvolle und musikalisch vielfältige Ausgestaltung. Schon diese herrlich musikantische Einspielung des Quintetts lohnt den Erwerb dieser CD.

Unbedingt erwähnenswert ist die makellose und natürliche Räumlichkeit der Aufnahmetechnik.

Fazit: Unbedingt empfehlenswerte Einspielung auf hervorragendem musikalischem Niveau, mit Werken, die man selten hört, jedoch eine hohen Repertoirewert haben.

                                                                       ***

(14) Thorofon - Trio Bamberg: Vol. 6

Piano Trios von Johannes Brahms und Bedrich Smetana

Johannes Brahms, Trio H-Dur op. 8.  Bedrich Smetana, Trio g-Moll op. 15

Trio Bamberg mit Jewgeni Schuk (Violine), Stephan Gerlinghaus (Violoncello) und Robert Benz (Klavier).

CTH 2447, © 2003

 

Hier werden neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt!

Das Klaviertrio H-Dur op. 8 von Johannes Brahms und das in g-Moll op. 15 von Bedrich Smetana sind jedem Musikfreund wohlbekannt. Beide Werke stehen häufig auf den Programmen der internationalen Konzerte. Die Anzahl der Einspielungen ist Legion. Die renommiertesten Klavier-Trios haben sich ihnen auf dem Podium und in den Tonstudios gewidmet. Herausgekommen sind etliche gute und sehr gute Wiedergaben. Die Aufnahme mit dem Bamberg-Trio setzt die Liste der hochrangigen Einspielungen überzeugend fort.

Das Bamberg Trio entwickelt die grundlegenden Merkmale des Brahms-Trios - leidenschaftliche Bewegung, emotionale Tiefe und teilweise abgedunkelte Schwermut organisch, d.h. in einer natürlichen musikalischen Konsequenz. Das beginnt bereits in den Anfangstakten, in denen das Cello-Solo mit kernigem, rundem Strich einen sehr warmherzigen Eingstieg schafft. Sobald die drei Stimmen zusammengeführt sind, ergibt sich ein kraftbetontes, harmonisches Klangbild, das von einer klaren, zwar durchhörigen, aber die Instrumente nicht trennenden Technik unterstützt wird. Selbst die hellen Diskantoktaven und die sonoren Bässe des Klaviers, sowie die extremen Lagen der Streicher, sind in eine gemeinsam gestaltete Dynamik eingebettet. Klang und Kraft bilden eine ausgewogene Gemeinschaft.

Der tiefsinnige Adagio-Satz erhält von den drei Musikern ein gebührend schweres Gewicht und eine außerordentlich schöne, dunkle Einfärbung.

Grandios erklingt danach der aufgewühlte Finalsatz. Als Hörer wird man von der energischen und zupackenden Spielweise nachhaltig mitgerissen.

Der zwar gleichfalls tragische, aber eher rhapsodische und empfindsame Tonfall des Smetana-Trios wird vom Bamberg-Trio mit authentischem Timbre dargestellt. Sowohl das feinste Pianissimo, als auch die intime Traurigkeit gelingt den drei Musikern vorbildlich. Der düstere Trauermarsch wird ohne Larmoyanz, die Gegenstimmung, eine lebendige Fröhlichkeit, wird im Allegrosatz mit hoher Agilität ausgeführt.

 Fazit: Eine Einspielung der Klavier-Trios op. 8 von Johannes Brahms und op. 15 von Bedrich Smetana, die emotionale Tiefe, hinreißendes technisches Vermögen und sympathische Wärme hören läßt.

                                                                             ***

(15)  Spyro Gyra - The Deep End.  Jay Beckenstein and several musicians

Heads Up (Vertrieb: in-akustik) HUCD 3085 © 2004

Let your body sway - to the this feather-light swing jazz of Spyro Gyra! Since a quarter of a century Jay Beckenstein and Co. set markstones of combo jazz that makes you humming, dancing and singing. Sound and style underwent marked changes during that time, but all the time with wonderful results.

The new "Deep End" reveales some takes in the familiar style, some others are far ahead from their roots. In Nr. 1 "Summer Flings" the keyboard sound opens to wide electronic spaces of the studio world, the sonorous bass moves your stomach and heart, and the poly-instrumental percussion enjoys your rhythmic center as ever. At any time the amazing saxophon of Jay Beckenstein fills this and every number with soul and swing.

The drum beats in Nr. 2 "Eastlake Shuffle" are dry and direct and invite for dancing. "Monsoon" leads to the exotic world in India with a ravishing 3D-Volume and a fantastic sax-solo over a pentatonic scale.

Nr. 6 "The Crossing" is the ideal "song after...". It is a melody for happy couples. With a touch of Lionel Richie and flamenco which culminates in a veritable hymn of joy. The "Crossing" ends in a harmonic mood, to be listened softly entwined. Nr. 8 "Mind warriors" shows juvenile, genuine Rock-Jazz. After another love song and a powerful piece of Big Band jazz the disk ends in a relaxed number of world music.

Result: Another fine, juicy work of excellent jazz from Jay Beckenstein and collegues.

                                                             ***

Alba 

(16) Johann Sebastian Bach, The Goldberg Variations -  Goldberg-muunnelmat

   Mika Väyrynen, accordion - harmonikka ABCD 191 © 2004

                                                                           ***

(17) Modest Mussorgsky, Tableaux d'une Exposition -    Bilder einer Ausstellung - Pictures of An    Exhibition - Näyttelykuvia

Peter Tschaikowsky, Andante cantabile aus dem Streichquartett Nr.1 op.11

Trio Fratres - Toni Hämäläinen, Heikki Jokiaho, Raimo Vertainen, accordion harmonikka

ABCD 188 © 2003 Vertrieb: Klassik Center Kassel 

                                                                          ***

(18) The Instruments of Liszt in The Budapist Liszt Ferenc Museum

Werke für Tastenmusik von Franz Liszt: Chickering piano (1867) - Mephisto Waltz No. 1 (Der Tanz in der Dorfschenke), Funérailles, Romance oubliée.

Chickering piano (1879-80) - En rêve, Hungarian Rhapsody No. 6, Liebestraum Nr. 3, First Elegy.

Bösendorfer piano, Wiegenlied

The Bösendorfer Instrument of the composing desk, carrousel de Madame P-N

Glass piano (piano-harmonica) - Die Hirten an der Krippe. Scherzoso

Pianino-harmonium - Adeste fideles

Mason and Hamlin harmonium - Consolation Nr. 4 D flat major

Jenö Jandó, Klavier, Harmonium, Glass-Piano, Pianino-Harmonium

Hungaroton HCD 31176 © 1994

(19) Lachrimae - John Dowland, Lachrimae. J.S. Bach, Transkription der Partita für Violine solo h-Moll BWV 1002. Silvius Leopold Weiss, Tombeau sur la mort de Mr.Comte de Logy. J.S. Bach Transkription der Suite D-Dur BWV 1012, S.L. Weiss, Passacaglia (arrangiert von Karl Scheit)

Ilona Szeverényi, cimbalom, Zymbal

Hungaroton HCD 32207 © 2003

Not macht erfinderisch. Die Krise in der klassischen  CD-Welt führt dazu, mit ausgefallenen Interpretationen die Kauflust und das Hörvergnügen der Musikfreunde anzustacheln. Die vier CDs, die vom Klassik Center Kassel vorgelegt werden, zeigen überzeugend, welche Möglichkeiten es bei diesem Trend gibt.

a) Mika Väyrynen, ein 1967 in Finnland geborener Akkordion-Virtuose, hat die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach für sein Instrument transkribiert und muß sich mit dieser Einspielung an der hochgradigen Wiedergabe mit Stefan Hussong messen lassen. Um es vorwegzunehmen: Väyrynen erfüllt die höchsten Maßstäbe, beide Künstler kommen zu jeweils anerkennswerten Lösungen. Leider finden wir im Booklet keine näheren Angaben zum Instrument, auf alle Fälle vermag Väyrynen eine faszinierende Vielfalt an Klangfarben und Anschlagsmöglichkeiten in den Dienst seiner Ausführungen zu stellen. Die Umfor- mung der Variationen von einem ursprünglichen Staccato zu einem ausgesprochenen Legato führt zu einem originellen Klangergebnis. Die technische Kompetenz des Solisten ist exzellent, die Fioraturen und rasenden Läufe, beispielsweise in der Variation 5 oder 26, gelingen hinreißend. Die Aufnahmetech- nik ist ohne Makel. Sie ermöglicht ein klares, unverzerrtes und frisches Klangbild. Die polyphonen Strukturen lassen sich deutlich heraushören, verkommen aber nicht zu einer kalten, akademischen Veranstaltung. Spielwitz (Variation 7 oder 17 oder 29!!) und ein schöner, spannungs- voller Ton machen diese Einspielung zu einem großartigen Musikerlebnis.

Fazit: sehr empfehlenswert

b) Für die Wiedergabe der Goldberg-Variationen reicht, mit einigen technischen Hilfen, ein einziges Akkordion. Für die Realisierung der "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky sind die drei finnischen Akkordeonspieler von Trio Fratres die optimale Besetzung. Daß sie meisterhafte Techniker auf ihrem Instrument sind, wird von Satz zu Satz immer deutlicher. Das beginnt mit dem turbulenten Treiben der "Tuilerien", setzt sich im "Ballett der Küken in ihrem Eierschalen" fort und steigert sich imposant in den endlich einmal fehlerfrei vorgetragenen Vorschlägen und Triolen bei "Samuel und Schmule", bis zu der stupend sicher ausgeführten "Hütte der Baba Yaga". Vor allem aber musikalisch ist ihre Interpretation eine meisterhafte Ensembleleistung. Jedes Stück der "Promendes" erhält eine eigene Farbgebung, die von dem vorhergehendem zum vorausgehenden Stück führt. Der "Bydlo" wird außerordentlich differenziert in seinen Forte-Graden gespielt. Sehr beeindruckend erscheint dem Hörer die spannungsreiche, dramaturgisch gelungene Gestaltung der "Katakomben", "Cum mortuis in lingua mortua" und vor allem des grandiosen "Tor von Kiew".

Fazit: sehr empfehlenswert

c) Auch wenn diese CD mit Klaviermusik von Franz Liszt schon im Jahre 1994 erschienen ist, soll sie hier doch vorgestellt werden. Die Musik des Großmeisters wird hier nämlich auf Instrumenten ausgeführt, die aus seinem Besitz stammen und nun im 1986 gegründeten Franz Liszt Museum stehen. Jenö Jandó spielt zwar ein wenig introvertiert, weiß aber die Eigenart der Instrumente mit großem Geschick herauszustellen.

Vor allem in den "Funerailles" werden alte Klangproportionen wieder hörbar. Die Bässe, die heute mühelos mit der linken Hand herausgedonnert werden können, haben auf dem Chickering-Klavier viel weniger Volumen, gleichen sich dafür viel besser der Mittellage an, die, auch beim "Wiegenlied" auf dem Bösendorfer-Flügel, ausgeglichen und weicher tönen. Baß- und Mittellage sind sich nicht fremd, sondern stehen in einem wohltuenden Gleichgewicht. Hier kann jeder Pianist der Gegenwart noch manches für seine Interpretation lernen.

"Die Hirten an der Krippe" passen ganz entzückend zum Klang des Glas-Klaviers. Sie sind am wenigstens fremd auf einem modernen Klavier.

Eine der wichtigsten Einspielungen ist jedoch die "Consolation" Nr. 4 Des-Dur auf dem Mason und Hamlin Harmonium. Der melismatische Eigenklang des Harmoniums ist praktisch das einzig wirkliche Medium für die "Consolations". Selbst der perfekteste Konzertflügel unserer Zeit kommt ihrem musikalischen Sinn derart nahe.

In diesem Zusammenhang soll nochmals auf die Interpretation des dritten Teils der "Années de Pèlerinage Italien II" von Franz Liszt hingewiesen werden. Auch sie lassen sich - wie überhaupt das gesamte, vielfach als "rätselhaft" bezeichnete Spätwerk - eigentlich nur auf einem Harmonium darstellen. Diese CD ist für einen Interpreten der Klaviermusik von Liszt so wichtig, weil sie auf das Harmonium als das Instrument der Wahl hinweist, wenn es um das Spätwerk geht. Hier findet die Originalklangbewegung, die so viel Abseitiges und Unnötiges hervorbringt, ein noch ein blaches, aber sinnvoll zu bearbeitendes Feld vor sich.

Fazit: Besonders wichtig und empfehlenswert

 

d) Während die Lauten- oder Theorbenmusik von John Dowland und Silvius Leopold Weiss noch recht akzeptabel auf einem Zymbal gespielt werden kann, treten bei der Übertragung zweier Sonaten für Violine solo von Johann Sebastian Bach auf dieses Schlaginstrument doch einige Probleme auf, sowohl bei der Phrasierung und Artikulation der Melodielinien als auch bei der Ausführung der Verzierungen.

Dennoch entbehrt die technisch beachtliche Wiedergabe von Ilona Szeverényi nicht eines gewissen Charmes.

Fazit: Man erfährt, was man auf diesem wunderbaren Instrument alles spielen und wie man einem Musikfreund das Zymbal schmackhaft machen kann.

                                                                            ***

(20) Hyperion - The Complete Organ Music of Johann Sebastian Bach, played by Christopher Herrick on Metzler Organs in Switzerland

Hyperion CDS 44121/36, 16 CDs

Metzler Orgeln

Pfarrkirche St. Nikolaus, Bremgarten: CD 1, 14

Stadtkirche Zofingen: CD 4, 12, 13, 16

Jesuitenkirche Luzern: CD 2, 3, 10, 11

Pfarrkirche St. Peter und Paul, Villmergen:    CD 7

Pfarrkirche St. Michael, Kaisten: CD 8, 15

Dies ist die vollständigste, überzeugendste und schönste Einspielung der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach. Und das gegen die große Konkurrenz von Helmut Walcha, Christian Eisenberg oder Wolfgang Stockmeier.

Die großen Meriten dieser Aufnahmen bestehen in der absolut makellosen Aufnahmetechnik, die den räumlichen Charakter der Kirchen oder Konzertsäle ganz unverzerrt wiedergeben. Das Klangbild ist, obwohl die Aufnahmedaten mehrere Jahre umfassen, auf allen CDs gleich frisch, klar und natürlich.

Die Orgeln der Firma Metzler, Dietikon bei Zürich, wurden in den Jahren 1975 bis 1995 gebaut und stehen für maximale Instrumente des Schweizerischen Orgelbaus.

Das Booklet in englischer und deutscher Sprache läßt hinsichtlich Information und Aufmachung keine Wünsche offen. Zu jeder Orgel steht ein Foto und die Disposition zur Verfügung. Jeder CD ist eine Kategorie, wie Choräle, Trio-Sonaten, Toccaten oder Bach zugeschriebene Werke, zugeordnet und mit einem Kommentar allgemein als auch zu jeder Komposition Bachs ausgestattet. Diese sind von hervorragenden Experten verfasst. Der Forschungsstand ist bis um die Jahrhundertwende berücksichtigt. Anrührend, die Beiträge vom kürzlich verstorbenen Musikwissenschaftler und Bibliotheksleiter des Royal College of Organists Robin Langley zu lesen. Die meisten CDs sind auch einzeln erhältlich.

Nun aber zur künstlerischen Leistung des englischen Organisten Christopher Herrick. An seinen Interpretationen beeindrucken die Lebendigkeit, absolute technische Kompetenz und stilsichere Gestaltung. Die Trio-Sonaten werden von ihm nicht mit einer simplen Zungenstimme in einem dürren Prinzipalgerippe ausgeführt, sondern mit farbigen Registern aufgefüllt. Mit leichter Hand - herrlich leger die witzigen Mordente in der Es-Dur-Sonate - und sicherem Fuß meistert er die anspruchsvollsten Stücke des Bach-Repertoires.

Niemals gehetzt oder mit unnatürlichen Zwängen einer vorgeblichen "historischen Aufführungspraxis" fließen die Präludien und Fugen dahin. Die Artikulation jedes Chorals gelingt singend und plastisch. Besonders schön erklingen die in der Stadtkirche von Zofingen aufgenommenen Toccaten, sowie die ''Miniaturen" aus der Stadtkirche Rheinfelden mit ihren himmlischen Diskant-Flöten. Jedoch auch die wunderschön streichenden Stimmen der Metzler-Orgel in St. Martin von Rheinfelden im langsamen Satzes des Concertos BWV 571 sollen erwähnt werden. Die stiefmütterlich behandelten Neumeister-Choräle erfahren bei ihm ihre berechtigte Aufwertung. Höchsten Respekt verdient die gedankentiefe Interpretation der Choralpartiten auf CD Nr. 14.

Fazit: Auf diese ultimative Wiedergabe der Bach-Werke kann Herrick ebenso stolz sein wie die Werkstätten Metzler und die Produktionsfirma Hyperion.

                                                                           ***

 (21) Centaur - Dances With Harpsichords,  Elaine Funaro, Harpsichord

Centaur CRC 2651 © 2003 Vertrieb Klassik Center Kassel

Herbert Howells Lambert's Clavichord op. 4. Kent Holliday, Cances from Colca Canyon (1999). Dimitri Cervo, Pequena Suite Brasileira.  Stephen Dodgson, Tambourin from Suite Nr.  1 (1967). Timothy Tikker, Three  Bulgarian Cances (1999). Timothy Brown, Suite Espanola (1999). Francis Thomé, Rigadon (1892). Rudy Davenport (born 1948), Seven Innocent Dances. Sondra Clark,  Three Old Meters (1999). Sally  Mosher, Bossa Nova (1997). Stephen Yates, Fandango Indeed (1994). 

Als Liebhaber der Cembalomusik muß man die Noten von Dietrich Buxtehude, Johann Sebastian Bach oder den Couperins nicht gleich verstauben lassen. Manchmal ist jedoch eine Auffrischung des Repertoires angebracht. Eine herzerfrischende Alternative zum "klassischen" Schatz der Cembalomusik liegt hier mit den zahlreichen Tänzen aus dem 20. Jahrhundert vor. Man kann Elaine Funaro nur dankbar sein, daß sie uns mit dieser Vielzahl von neuerer Cembalomusik bekannt macht. Mit bestechender manueller Technik und feurigem Rhythmus steckt sie den Zuhörer zu großer Begeisterung an. Es  handelt sich durchwegs um anspruchsvolle Musik in Tanzform vrwiegend aus den USA und gehört eigentlich von nun an zum Repertoire jedes, auch sakralen, Cembalo- künstlers. Jedes dieser Stücke eignet sich hervorragend auch zum Vorspiel für  eine Musikerstelle oder bei einem internationalen Wettbewerb.  

Fazit: Cembalomusik aus unserer Zeit in mitreißender Wiedergabe. Harpsichord's Finest of new harvest, brewed with hot temperament and spicy taste  by an inspired Elaine Funaro.

                                                                        ***

(22) Lidi Digital - Felix Mendelssohn Bartholdy, Six Sonates pour orgue op. 65 (Sechs Orgelsonaten). Olivier Vernet, Alfred Kern Orgel, Masevaux, St. Martin (France). Lidi 0104147-04. © 1992 Vertrieb Klassik Center Kassel

(23) Lidi Digital -  Dietrich Buxtehude, L'0euvre pour orgue.

CD 1: Le temps de l'Avent et de Noel.  Bernard Aubertin Orgel, St. Louis, Vichy

CD 2: Carême,  Annonciation, Passion. Bernard Aubertin Orgel, St. Denis, Viry-Châtillon

CD 3: De Pâques à Pentecôte. Gérald   Guillemin, Cathêdrale St.  Étienne, Agde

CD 4: Schwenkedel-Aubertin, Cathérale  Notre-Dame, Boulogne-sur-Mer

CD 5: Gérald Guillemin Orgel,  St.  Nicolas, Wasquehal

Ligia Digital, Ligi 01044144-04 © 1993 Vertrieb Klassik Center Kassel

Es mangelt nicht an Einspielungen der Orgelmusik von Dietrich Buxtehude und Felix Mendelssohn Bartholdy. Etliche haben ihre Qualitäten. Den Einspielungen von Olivier Vernet zuzuhören, ist jedoch eine große Freude. Er spielt die atemberaubenden Improvisationen von Buxtehude, der genial und unerschöpflich mit Techniken, Formen und Harmonien experimentiert, mit jugendlicher Frische und höchst flexiblem Klangsinn. Die Tempi sind jederzeit richtig gewählt. Sowohl bei Buxtehude als auch bei Mendelssohn Bartholdy bewundert man den Farbenreichtum der exzellenten Instrumente und der engagierten Orgelkunst von Olivier Vernet. 

Conclusion: Großartige Orgelmusik in hervorragenden Interpretationen. Un Olivier Vernet, un gran maître de son métier, très engagé et vif. 

                                                                    ***

(24) Pavane Records. - Rhapsodies. Philippe Husser, flûte de Pan, Cyril Dupuy, Cymbalum, Cédric Burgelin, Orgue. Différantes pièces hongroises et roumains.  Pavane ADW 7495. Vertrieb: Klassik Center  Kassel. ©  2003

Wer Spaß an ganz ausgefallene Besetzungen hat, sollte zu dieser CD greifen. Zumeist  gemeinsam, vereinzelt auch als Solisten, sind hier Panflöte, Cymbalum und Orgel sehr bekömmlich vereint. Die Musiker sind Meister ihres Fachs und heben die Interpretationen vieler bekannter Volksmelodien aus Ungarn und Rumänien auf ein bestechendes Niveau. Alle drei Musiker nehmen sich seriös und geschmackvoll der beliebten Stücke, ohne sie reißerisch herunterzuhetzen. Hier wird ein Czardas wieder zu einem virtuosen, temperamentvollen, manchmal auch nachdenklichen Stück blutvoller Musik. 

Fazit: Ein großes Kompliment an die drei Musiker - für ihr musikantisches und quicklebendiges Spiel, voller Farbnuancen und Spielfreude. 

                                                                             ***

(25) Pavane Records. - Résonances. Quatuor de Percussion Lamina. - Leonard Bernstein, Suite of West Side Story. Peter Tschaikowsky, Nußknacker-Suite. Johann Sebastian Bach, Orchestersuite Nr. 2 h-Moll BWV 1067. Pavane ADW 7489 © 2004. Vertrieb: Klassik Center Kassel

Vier Musiker spielen auf Vibraphonen und Schlagwerken außerordentlich virtuos, technisch auf hohem Niveau und wunderschönem Ton. Was sie von den normalen Einspielungen abhebt, ist die Farbigkeit des Spiels und der Swing bei Bernstein, das Liebliche und Märchenhafte bei Tschaikowsky sowie die sanfte Seriosität und Entschlossenheit bei Bach. Alle drei Werke werden nicht Opfer einer Marotte, in einem möglichst exotischen  Klanggewand aufzutreten. Sie erscheinen nicht radikal in einem neuen Licht, bezaubern aber durch ihre bezaubernde Leichtigkeit und filigrane Durchsichtigkeit. - Die vier Herren von "Quatuor Lamina" hätten sich beim Booklet jedoch mehr Mühe geben können. Keine Informationen gibt es darüber, wer welches Instrument spielt, welche Instrumente beteiligt sind und wie und wo die Aufnahmen entstanden sind. Die Website www.quatuor-lamina.com gibt kaum mehr her. Dennoch:

Fazit: Eine sehr empfehlenswerte Aufnahme für ruhige oder beruhigende Stunden.


Christian Ekowski
Post Box 21 02 22

27523 Bremerhaven

- - - - - - - - - - - - - - - - -

Residence: Körnerstraße 11

27576 Bremerhaven

Germany

- - - - - - - - - - - - - - - - -

Tel +49 +471 - 902 6 802

Fax +49 +471- 902 6 801

email: christian.ekowski@t-online.d

http://www.christian-ekowski.de
www.critic-service.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Free counter and web stats